Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes

Gedenkmarsch mit Kerzen

Lichterzug vom Oberanger zur Angertostraße

Am Montag, den 20. Oktober war es genau 80 Jahre her, dass die Nazis die Gangart gegen Schwule, Lesben und Trangender drastisch verschärften. 1934 wurden in einer bayernweiten Razzia Personen, die sich in einschlägig bekannten Bars, Parks oder auf Klappen aufhielten, festgenommen. Wer bis dahin schon vorbestraft war, wurde direkt ins KZ Dachau überführt. In einer Gedenkveranstaltung am Oberanger, am Standort des früheren Schwulenlokals Schwarzfischer, das ebenfalls Ziel der Razzia war, wurde den Opfern der systematischen Verfolgung von Homosexuellen und Transgender durch die Nazis gedacht.

Etwa 60 Teilnehmer erschienen zu der Veranstaltung, die das forum homosexualität münchen und die Rosa Liste organisiert hatten. Redner waren Thomas Niederbühl und Rita Braaz (beide Rosa Liste) und Albert Knoll (forum homosexualität münchen). Nach kurzen Ansprachen formierte sich ein Lichterzug, in dem die Teilnehmer zur Beratungsstelle der LeTRa in die Angertorstraße zogen, wo eine Informationsveranstaltung über aktuelle Gedenk-Projekte und das geplante Mahnmahl am Standort des früheren Lokals Schwarzfischer folgte.

§ 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, war in Bayern seit der bismarckischen Reichsgründung 1871 gültig. Die Nazis verschärften den Paragraphen – ab sofort reichten bereits „begehrliche Blicke“ für eine Verhaftung aus. Mit der Razzia von 1934 nahm Bayern eine Vorreiterrolle in der Verfolgung von Homosexuellen ein. In der Folge wurden im Reich etwa 100.000 Männer polizeilich erfasst, ca. 50.000 wurden verurteilt, eine unbekannte Anzahl überwies man in psychiatrische Anstalten, hunderte wurden kastriert und etwa 10.000 wurden in Konzentrationslagern interniert. Von diesen kam etwa die Hälfte dort ums Leben – heute gibt es wohl keine KZ-Überlebenden mehr, die wegen § 175 verurteilt worden waren. Das Nazi-Regime hatte es sich zum Ziel gesetzt, Homosexualität auszurotten, die es als entartetes Verhalten ansah, das keinen Nachwuchs produziere und deswegen den Bestand der Herrenrasse bedrohe. § 175 galt nicht für Frauen. Lesben wurden auch verfolgt, allerdings unter den Beschuldigungen als „Asoziale“ und wegen Landstreicherei.

Teil der Katastrophe war, dass die Verfolgung nach 1945 nicht endete. § 175 blieb in seiner verschärften Nazi-Version bestehen und auch die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland verfolgte Schwule: Erst 1969 entschärtfte die BRD den Paragraphen, bis dahin waren etwa 50.000 Männer verurteilt worden. Endgültig abgeschafft wurde der 175er erst 1994 (die DDR hatte ihn bereits 1950 entschärft und 1968 gestrichen). 2002 hob der Bundestag zwar alle Urteile auf, die während des Dritten Reiches unter § 175 ergangen waren, allerdings nicht die Urteile nach 1945. Das heißt, dass alle unter den Nazis Verurteilten rehabilitiert sind, aber nicht diejenigen, die durch west- und ostdeutsche Rechtsprechung verurteilt worden waren. Diese Männer, die häufig noch unter den psychischen und wirtschaftlichen Folgen ihrer Haft leiden, gelten nach wie vor als vorbestraft und haben keine Chance, entschädigt zu werden. In der Politik sind es heute die Unionsparteien, die sich immer noch einer Rehabilitation entgegenstellen (Details könnt Ihr hier nachlesen).

Rita Braaz schlug den Bogen zur aktuellen Politik, denn die Vergangenheit sei nicht vergangen. Der „kollektive Wahnsinn“, der im Dritten Reich herrschte, lebt bis heute fort. In gemildeter Form ist das an der oben erwähnten Haltung der Union zu erkennen, in deutlicher Form tritt er wieder bei Parteien wie der NPD oder der AfD oder bei Organisationen wie den Besorgten Eltern zutage: Auch dort gilt alles als existentielle Gefahr für die Gesellschaft, was nicht der Heteronorm entspricht – also wir. In Anbetracht des Zulaufs, den z.B. die AfD erfährt, wird die Stimmung zunehmend bedrohlicher. Die Redner auf der Veranstaltung riefen nicht nur die Politik dazu auf, die Opfer von § 175 endlich zu rehabilitieren und zu entschädigen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, sich jeder Form von Diskriminierung entgegenzustellen.

Was das Gedenken an die unter den Nazis verfolgten Homosexuellen betrifft, so ist ein Mahnmal am Standort des ehemaligen Schwarzfischer am Oberanger in Planung. Ein Künstlerwettbewerb wurde dazu gerade erst abgeschlossen, wahrscheinlich im November 2014 wird dazu ein Stadtratsbeschluss erfolgen. Das forum homosexualität münchen setzt sich außerdem dafür ein, auch auf andere Weise an die Verfolgten zu erinnern und so queeres Leben in München zur Zeit der Unterdrückung zu dokumentieren. Ziel ist das Legen von Stolpersteinen und das Erstellen von Biographien der Opfer. Wer sich dafür engagieren will, indem er beispielsweise biographische Recherchearbeiten unterstützt oder für Stolpersteine spendet, kann sich an das Forum wenden.

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