Warum sich gegen die Besorgten Eltern engagieren?

Screenshot von einem YouTube-Video zu einer der Demos der Besorgten Eltern. Ganz links ihr Gründer Mathias Ebert (Jan. 2015)

Screenshot von einem YouTube-Video zu einer der Demos der Besorgten Eltern. Ganz links ihr Gründer Mathias Ebert (Jan. 2015)

Seit letztem Jahr versuchen die Besorgten Eltern in Bayern Fuß zu fassen. Ihr erster Versuch in München im Mai 2014 ist am Widerstand der Bevölkerung gescheitert (siehe München ist bunt). Allerdings entpuppt sich ihr darauf erfolgter Rückzug als ein rein strategischer. Derzeit agieren sie in Augsburg und haben dort bei ihrer ersten Demonstration im Oktober 2014 verkündet, Augsburg solle Ausgangsbasis für weitere Aktionen in Bayern sein (wir berichteten). Dies setzen sie konsequent in die Tat um: Ihre nächste Demonstration findet am 17. Januar statt und allein in Bayern folgen 2015 fünf weitere in München, Nürnberg und Augsburg (siehe ihre Demonstrationstermine).

Ihr Thema, mit dem sie ihre Demonstrationen anmelden, ist eine von ihnen in Bildungsplänen erkannte „Frühsexualisierung von Kindern“. Dieses Schlagwort unterstellt eine Manipulation der Entwicklung von Kindern und sogar systematischen, staatlich geförderten Kindesmissbrauch an Schulen und Kindergärten. Sie forcieren diesen Eindruck durch verzerrende Parolen bei ihren Demonstrationen (siehe dieses YouTube-Video), um Aufklärung generell zu diskreditieren. Nach Meinung der Besorgten Eltern beschädigt Aufklärung, auch über nicht-heterosexuelle Lebensweisen und Familienformen, die kindliche Psyche und führt zu psychischen Störungen. Ihre Unterstellungen greifen die Basis vom Selbstverständnis der queeren Community an.

Deswegen sind unsere Argumente:

1. Dass es uns LGBT*IQ gibt und dass wir so sind, wie wir sind, ist nicht schädlich – weder für unsere einzelnen Mitmenschen, noch für die Gesellschaft als Ganzes.

2. Die „Besorgten Eltern“ behaupten, dass es eine Verführung zu einer sexuellen Orientierung gäbe, Kinder also „schwul gemacht werden“ könnten. Dies ignoriert die wissenschaftlich gesicherte Tatsache, dass die Entwicklung der sexuellen Orientierung mit drei Jahren abgeschlossen ist und unterstellt uns eine tatsächliche Gefährdung des Kindeswohls. Mit dieser Behauptung wurde stets die Verfolgung von LGBT*IQ begründet.

3. Das Verschweigen queerer Themen verfestigt homo- und transphobes Klima und fördert Anfeindungen gegenüber LGBT*IQ – unter Schülern wie auch in der Gesamtgesellschaft. Denn Vorurteile werden so nicht frühzeitig bekämpft, sondern von Jugendlichen ins Erwachsenenalter mitgenommen.

4. Hinter den besorgten Eltern stehen reaktionäre Ideologien, die homo- und transfeindlich und sexistisch sind. Die Verbannung queerer Themen aus Schulen soll unsere Emanzipation, Gleichstellung und Akzeptanz aufhalten und schließlich rückgängig machen.

5. Kinder und Jugendliche, die feststellen, dass sie in ihrer Identität und Orientierung anders sind, werden mit ihrem Bewusstsein dessen allein gelassen. Wenn sie in ihrer nächsten Umgebung keine anderen Möglichkeiten haben, sich jemandem anzuvertrauen, leiden viele massiv unter ihrer Isolierung bis hin zu Selbstmordgedanken und leider zu oft erfolgreichen -versuchen.

Daneben gibt es zahlreiche weitere Punkte, von denen jeder für sich schon schwerwiegend ist. Zum einen das reaktionäre bis rechtspopulistische „Expertennetzwerk„, das sie pflegen. Zum anderen der fundamentalistisch-evangelikale, homo- und transphobe religiöse Hintergrund, aus dem die Organisatoren des Augsburger Ablegers, Wadim Renner und seine Tochter Julija, kommen. Zum Dritten, dass diese durch Juri Heiser, einen CSU-Stadtrat, Unterstützung aus der Politik erhalten (dazu die Nachforschungen von zwei Münchner Grünen). Dadurch ist ihre Aussage, sie seien nicht homophob und politisch und religiös neutral, nicht glaubwürdig. Darüber hinaus argumentieren sie nicht sachlich, sondern spielen durch Unterstellungen und teilweise Falschaussagen in manipulativer Weise mit den Ängsten der Menschen (s.o. und einer ihrer Flyer).

Wir sind bereit, uns den Besorgten Eltern in offener und öffentlicher Diskussion zu stellen. Es ist wichtig, ihre Positionen zu kennen und vor allem ernst zu nehmen. Ihre Agenda für Bayern und ganz Deutschland zeigt, sie wollen mit aller Macht ihre Ansichten in der Zivilgesellschaft verankern und ihnen mehr Gewicht verschaffen. Wir dürfen sie daher nicht ignorieren.

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2 Kommentare

  1. Wie immer vielen Dank für die gut recherchierten Informationen. Als heterosexueller Mann und Vater empfinde ich nur Entsetzen angesichts der „besorgten Eltern“. Ich habe wahrlich nicht das Gefühl, dass ich meine Tochter dadurch, dass ich mit ihr über sexuelle Orientierung und LGBT*IQ spreche, zu einer LGBT*IQ „erziehe“… im Gegenteil, wenn man solche Themen verschweigt, erst dadurch erzieht man doch die Kinder zu Intoleranz und damit indirekt auch zu Gewalt.

  2. Ich schließe mich der obrigen Danksagung an. Und nachdem ich mir die Mühe gemacht habe, das von den „Besorgten Eltern“ genannte Urteil des BverG von Anfang bis Ende zu lesen, verstärkt sich bei mir der Eindruck eines bösen Deja-vùs. Denn in den bisherigen Bildungsplänen geht es zunächst um bloße Wissensvermittlung, nämlich dass neben der Heterosexualität auch noch andere Formen der menschlichen Sexualität existieren und dass es verschiedene Arten von Geschlechteridentität gibt. Dadurch ist das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, aber gerade nicht verletzt. Die Frage der Sexualerziehung als solche ist davon zu trennen. Aber wie schon in den 70er Jahren wird die Debatte darum geführt, ob Kindern ein bestimmtes Wissen überhaupt vermittelt werden soll.

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