CSU und Freie Wähler gegen Rehabilitierung der Opfer von §175

Am 13. November 2014 brachte die Landtagsfraktion der Grünen zwei Anträge in den Verfassungsauschuss des bayerischen Landtags ein. Erstens solle sich die bayerische Regierung auf Bundesebene für die Rehabilitierung und Entschädigung der nach 1945 unter §175 Verurteilten einsetzen und zweitens für die historische Aufarbeitung in Bayern. Am Vorabend untermauerten die Grünen ihre Forderungen auf einer Demo, zu der etwa 60 Teilnehmer erschienen.  Der Antrag zur Rehabilitation wurde von der Mehrheit der Ausschussmitglieder von CSU und Freien Wählern abgelehnt, der Antrag bezüglich zur historischen Aufarbeitung dagegen wurde einstimmig angenommen.

§175 stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Die Nazis verschärften das Gesetz so weit, dass auch Küsse und „begehrliche Blicke“ für eine Verurteilung ausreichten. Unter den Nazis wurden etwa 50.000 Homosexuelle verurteilt, von diesen kamen zwischen 10.000 und 15.000 in Konzentrationslager, ungefähr die Hälfte von ihnen wurde dort ermordet. 2002 wurden auch diese Verurteilten von der Politik als Opfer des Naziunrechtes anerkannt und rehabilitiert (hier das entsprechende Gesetz). Allerdings wurde nicht anerkannt, dass die beiden deutschen Staaten das Unrecht der Nazis nach 1945 weiter begingen mit zehntausenden Opfern (die DDR bis 1950/68, Westdeutschland bis 1969/94). Diese nach 1945 Verurteilten gelten nach wie vor als Straftäter und haben keinen Anspruch auf Entschädigung.

Der Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayern und die grüne Jugend Bayern hatten anlässlich der Anträge spontan zu einer Demo am Vorabend auf dem Gärtnerplatz aufgerufen, auf der auch Ulrike Grote, die grüne Vizepräsidentin des bayerischen Landtags sprach. Sie ging auf die Widersprüche in der Politik ein: Der Bundestag hatte selbst erklärt, dass die Menschenwürde der nach 1945 verfolgten verletzt worden war (S. 4 in diesem Dokument). Konsequenzen hatte das aber keine. Auch die europäische Menschenrechtskonvention, die (West-)Deutschland 1950 ratifizierte, wird ignoriert. Ihr Artikel 8 schützt das Privatleben und der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat festgestellt, dass davon ebenso Sexualleben, sexuelle Orientierung und sexuelle Identität abgedeckt werden (genaueres findet Ihr auf diesem Blog). Und auch dem Verlangen des Bundesrates von 2012 nach Rehabilitation (hier der Beschluss) kam der Bundestag nicht nach.

Ziel der Anträge der Grünen war es also, dass der Landtag die Landesregierung dazu auffordert, sich im Bund für eine Änderung der Politik einzusetzen und die Geschichte der Verfolgung in Bayern aufzuarbeiten (Links zu beiden Anträgen findet Ihr hier). Die Ausschussmitglieder von CSU und Freien Wählern lehnten es mit ihrer Mehrheit jedoch ab, dass sich der Ausschuss für eine Rehabilitation oder Wiedergutmachung einsetzt. Laut eines Berichts von Werner Gaßner vom LAK Queer.Grün.Bayern sei es Position der CSU, dass obwohl §175 ein Unrechtsparagraph war, dieser jedoch in West-und Ostdeutschland von souveränen Gesetzgebern übernommen und von der Rechtsprechung bestätigt worden sei. Eine Aufhebung verstoße somit gegen das Prinzip der Gewaltenteilung. Dieser Antrag wurde also abgelehnt.

Obwohl CSU und Freie Wähler anscheinend auch keine Notwendigkeit für weitere historische Aufarbeitung sahen, stimmte der Ausschuss diesem Antrag schließlich doch einstimmig zu. Der Ausschuss wird die bayerische Regierung dazu auffordern, über den derzeitigen Stand wissenschaftlicher Untersuchungen dieses Themas zu berichten. Auf Grundlage dessen soll über das weitere Vorgehen beraten werden (mehr dazu hier).

Auf der Demo am Gärtnerplatz ergänzten die Vertreter der grünen Jugend die Forderungen der Anträge um eine eigene: nur eine Änderung des Grundgesetzes könne einen dauerhaften Schutz vor Gesetzen wie §175 bieten. Daher müsse Artikel 3 des Grundgesetzes, der die Gleichheit vor dem Gesetz garantiert und Benachteiligung ausschließt, um das Kriterium der sexuellen Identität ergänzt werden (hier die Pressemitteilung). Dass die CSU und die bayerische Landesregierung sich dafür einsetzen könnten, ist allerdings wohl auch nicht zu erwarten.

In einer ersten Version des Artikels stand, beide Anträge seien abgelehnt worden. Das ist nicht richtig und wurde in dieser Fassung des Artikels korrigiert.

„Selbstbefriedigung und andere sexuelle Ausschweifungen“ – Nächste Demo der besorgten Eltern in Augsburg für den 17. Januar 2015 geplant

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Am 25. Oktober 2014 demonstrierten die besorgten Eltern in Augsburg: „Stoppt die Frühsexualisierung der Kinder an Grundschulen!“ Unter „Frühsexualisierung“ verstehen die besorgten Eltern und ihr Gründer Mathias Ebert ganz allgemein sexuelle Aufklärung und auch Aufklärung über Lebensweisen, die nicht der Heteronorm entsprechen und trotzdem positiv dargestellt werden.

Die Initiative der besorgten Eltern funktioniert gewissermaßen nach dem Franchise-Prinzip: Vor Ort gibt es Personen oder Organisationen, die eine Veranstaltung zum Thema auf die Beine stellen wollen und dabei vom Netzwerk der besorgten Eltern unterstützt werden. In Augsburg war es der Jugendverein TZT „Träume Ziele Taten“, der die Demonstration angemeldet hatte und sich auf dieser als „Jugend mit gesunden Prinzipien und gesunden Werten“ beschrieb. Auf seiner öffentlichen Facebook-Gruppenseite hat der Verein Fotos von der Veranstaltung hochgeladen und auch schon den 17. Januar 2015 als Termin für die nächste Demo bekannt gegeben, der aber noch nicht auf der Termin-Liste der besorgten Eltern steht.

Die Veranstaltung war für 500 Personen angemeldet, gekommen sind etwa knapp 100. Kurz nach 14:00 wurde mit einem Marsch durch die Altstadt begonnen, u.a. am Rathaus vorbei und einen Teil der Maximilianstraße entlang. Dabei verteilten sie ihr Flugblatt und riefen in Sprechchören Parolen wie „Sex mit sechs im Unterricht – das geht nicht“, „Aufklärung mit sieben – das ist übertrieben“, „Kinder brauchen Liebe und keinen Sex“ oder „Gebt den Kindern Zeit, sie sind noch nicht so weit“. Die Teilnehmer, zu denen auch einige Kinder und Jugendliche gehörten, trugen Schilder, die von den Organisatoren im Vorfeld hergestellt und verteilt worden waren und auf denen Schlagworte wie „Finger weg von unseren Kindern“ oder „Schützt die kindliche Welt“ zu lesen waren.

Nach dem Umzug fand am Martin-Luther-Platz, wo sie eine Bühne aufgebaut hatten, eine Kundgebung statt. Zu den Rednern gehörte auch Mathias Ebert, der Gründer der besorgten Eltern. Seine Ansprache begann mit einer kleinen Überraschung. Um gegen die Veranstaltung zu protestieren, hatte sich nämlich ein Häuflein queerer Augsburger und Münchner Gegendemonstranten eingefunden, die mit ihren Regenbogen-Fahnen am Rand des Platzes deutlich zu sehen waren. Es waren Mitglieder von der AIDS-Hilfe, vom Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayernvom Lesben- und Schwulenverband, von der Linken, der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und von den Queertreibern. Mathias Ebert begrüßte alle Anwesenden und ganz besonders auch „die Leute mit den Regenbogenfahnen.“ Er legte Wert darauf, dass die besorgten Eltern nicht gegen Homosexuelle seien, sondern dagegen, dass Kinder mit Sexualität konfrontiert werden, egal ob hetero- oder homosexuell. Denn „wer Kinder damit [also Sexualität] konfrontiert, gehört eingesperrt.“ 

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

An jenem Nachmittag gewann man den Eindruck, dass sich im Weltbild der Demonstranten erstens Kinder scheinbar gar nicht dafür interessieren, woher Kinder kommen und wieso beispielsweise ihr Kindergartenfreund zwei Mütter hat. Zweitens scheint ihrer Meinung nach jeder Versuch, Kinder zu diesen Themen aufzuklären, eine regelrechte Vergewaltigung zu sein. In ihrem Flugblatt warnen die besorgten Eltern: „Ein Kind, das […] vor der Pubertät solche Dinge lernt, wird noch schneller Lust an Selbstbefriedigung und anderen sexuellen Ausschweifungen gewinnen. Dies führt wiederum zu einer gestörten Persönlichkeit.“ Mathias Ebert sagte in seiner Rede: „Kinder, die von Kindheit an durchsexualisiert sind, bekommt man nicht mehr repariert.“ Die natürliche Reinheit der Kinder sei für immer verloren.

Bezogen auf Aufklärung über queere Themen legen sie ihre angebliche Toleranz gegenüber Homosexuellen doch schnell wieder ab: Denn klärt man Kinder über LGBT*IQ auf, so „führt das dazu, dass Kinder ihre Unschuld, die kindliche Geborgenheit noch früher verlieren und Gefahr laufen, nicht mehr im Stande zu sein, eine feste Beziehung zu führen“ (siehe „Fakt Nr. 4“ auf ihrem Flubglatt). Und schließlich seien auch Kinder selbst gegen Frühsexualisierung, denn „zwei gleiche Geschlechter können nicht die Rollen von zwei verschiedenen Geschlechtern spielen“ – so erklärt von einem Mädchen in einem Youtube-Video, das sie auf ihrer Seite neben anderen Videos posten.

Der Youtube-Kanal, auf dem das Video zu sehen ist, nennt sich übrigens „Посольства Божье Кассель“ – „Embassy of God Kassel“. Bei der Embassy of God handelt es sich um eine in Kiew gegründete evangelikale Glaubensgemeinschaft, die auch in Deutschland Ableger unterhält. In der Ukraine ging sie auch gegen den CSD in Kiew vor. Auf Youtube ist außerdem ein Mitschnitt von Teilen des Augsburger Demonstrationszuges und von der Ansprache Mathias Eberts zu finden. Der Kanal, der dieses Video zur Verfügung stellt, heißt „ZION Evangeliums Christen“ und ist der Kanal eines gleichnamigen, deutsch-russischen evangelikalen Vereins in Augsburg. In einer der dort hinterlegten Predigten, „Die Gemeinde Christi und der Antichrist“ wird beispielsweise die Tatsache, dass Homosexuelle in einigen Kirchen heiraten dürfen oder ihre Beziehungen gesegnet werden, als Versuch „des Feindes“ ausgelegt, die Werte der Gemeinde Christi zu verwirren, um diese zu zerstören. Die Aussage der besorgten Eltern, sie seien gegen Homophobie und Diskriminierung, darf man in Anbetracht solcher flankierenden Organsiationen wohl hinterfragen.

Auch wenn sich Wadim Renner, einer der Organisatoren, beklagte, dass lange nicht alle 500 Sympathisanten, die sich im Vorfeld angemeldet hatten, erschienen sind, verkündete Mathias Ebert den Plan, Augsburg stelle den Anfang für weitere Aktionen der besorgten Eltern in ganz Bayern dar.  Man muss mit ihnen hier also auch weiterhin rechnen, anscheinend schon kommenden Januar.

CSD München sucht Motto für 2015 zum Thema „Familie“

RegenbogenfahneCSD München hat Ende Oktober das Thema für die CSD-Parade und die Veranstaltungen der PrideWeek 2015 veröffentlicht: „Familie“. Nun braucht man für das Thema noch ein Motto, das eingängig und aussagekräftig ist. Alle, die eine Idee haben, können sie mit einer kurzen Begründung bis zum 16. Januar 2015 per Email an motto2015@csdmuenchen.de einreichen.

Die Hintergründe der Themenwahl erläuterten Thomas Niederbühl, der politische Sprecher von CSD München, und die CSD-Pressesprecherin Rita Braaz: (Rechts-)Konservative Parteien und Organisationen nutzten den Begriff der Familie wieder vermehrt als Kampfbegriff, um queere Menschen und ihre Familienformen an den Rand der Gesellschaft zu drängen und vom Schutz, den das Grundgesetz den Familien gewährt, auszuschließen. Dagegen möchte CSD München Stellung beziehen und „die Vielfalt unserer gelebten Familien- und Lebensformen sichtbar [machen], die auch eine Bereicherung für München sind“, wie Rita Braaz ausführte. Der Begriff der Familie schließe Regenbogenfamilien, Wahlfamilien und familiäre Netzwerke mit ein und umfasse auch die „große Familie“ der queeren Community insgesamt, „in der wir diskriminierungsfrei und solidarisch miteinander leben wollen. Es geht uns also um positive Alternativen und Erweiterungen zum konservativen Familienbild. Auch wir sind ‚Familie‘!“

Die Veranstalter des Münchner CSD, der 2015 vom 4. bis zum 12. Juli stattfinden wird, sind die Aids-Hilfe München, LeTRa, die Rosa Liste und das Sub. Sie einigten sich auf das CSD-Thema zusammen mit dem Szenestammtisch, in dem Vereine und Gruppen der Münchner queeren Szene versammelt sind.

Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes

Gedenkmarsch mit Kerzen

Lichterzug vom Oberanger zur Angertostraße

Am Montag, den 20. Oktober war es genau 80 Jahre her, dass die Nazis die Gangart gegen Schwule, Lesben und Trangender drastisch verschärften. 1934 wurden in einer bayernweiten Razzia Personen, die sich in einschlägig bekannten Bars, Parks oder auf Klappen aufhielten, festgenommen. Wer bis dahin schon vorbestraft war, wurde direkt ins KZ Dachau überführt. In einer Gedenkveranstaltung am Oberanger, am Standort des früheren Schwulenlokals Schwarzfischer, das ebenfalls Ziel der Razzia war, wurde den Opfern der systematischen Verfolgung von Homosexuellen und Transgender durch die Nazis gedacht.

Etwa 60 Teilnehmer erschienen zu der Veranstaltung, die das forum homosexualität münchen und die Rosa Liste organisiert hatten. Redner waren Thomas Niederbühl und Rita Braaz (beide Rosa Liste) und Albert Knoll (forum homosexualität münchen). Nach kurzen Ansprachen formierte sich ein Lichterzug, in dem die Teilnehmer zur Beratungsstelle der LeTRa in die Angertorstraße zogen, wo eine Informationsveranstaltung über aktuelle Gedenk-Projekte und das geplante Mahnmahl am Standort des früheren Lokals Schwarzfischer folgte.

§ 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, war in Bayern seit der bismarckischen Reichsgründung 1871 gültig. Die Nazis verschärften den Paragraphen – ab sofort reichten bereits „begehrliche Blicke“ für eine Verhaftung aus. Mit der Razzia von 1934 nahm Bayern eine Vorreiterrolle in der Verfolgung von Homosexuellen ein. In der Folge wurden im Reich etwa 100.000 Männer polizeilich erfasst, ca. 50.000 wurden verurteilt, eine unbekannte Anzahl überwies man in psychiatrische Anstalten, hunderte wurden kastriert und etwa 10.000 wurden in Konzentrationslagern interniert. Von diesen kam etwa die Hälfte dort ums Leben – heute gibt es wohl keine KZ-Überlebenden mehr, die wegen § 175 verurteilt worden waren. Das Nazi-Regime hatte es sich zum Ziel gesetzt, Homosexualität auszurotten, die es als entartetes Verhalten ansah, das keinen Nachwuchs produziere und deswegen den Bestand der Herrenrasse bedrohe. § 175 galt nicht für Frauen. Lesben wurden auch verfolgt, allerdings unter den Beschuldigungen als „Asoziale“ und wegen Landstreicherei.

Teil der Katastrophe war, dass die Verfolgung nach 1945 nicht endete. § 175 blieb in seiner verschärften Nazi-Version bestehen und auch die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland verfolgte Schwule: Erst 1969 entschärtfte die BRD den Paragraphen, bis dahin waren etwa 50.000 Männer verurteilt worden. Endgültig abgeschafft wurde der 175er erst 1994 (die DDR hatte ihn bereits 1950 entschärft und 1968 gestrichen). 2002 hob der Bundestag zwar alle Urteile auf, die während des Dritten Reiches unter § 175 ergangen waren, allerdings nicht die Urteile nach 1945. Das heißt, dass alle unter den Nazis Verurteilten rehabilitiert sind, aber nicht diejenigen, die durch west- und ostdeutsche Rechtsprechung verurteilt worden waren. Diese Männer, die häufig noch unter den psychischen und wirtschaftlichen Folgen ihrer Haft leiden, gelten nach wie vor als vorbestraft und haben keine Chance, entschädigt zu werden. In der Politik sind es heute die Unionsparteien, die sich immer noch einer Rehabilitation entgegenstellen (Details könnt Ihr hier nachlesen).

Rita Braaz schlug den Bogen zur aktuellen Politik, denn die Vergangenheit sei nicht vergangen. Der „kollektive Wahnsinn“, der im Dritten Reich herrschte, lebt bis heute fort. In gemildeter Form ist das an der oben erwähnten Haltung der Union zu erkennen, in deutlicher Form tritt er wieder bei Parteien wie der NPD oder der AfD oder bei Organisationen wie den Besorgten Eltern zutage: Auch dort gilt alles als existentielle Gefahr für die Gesellschaft, was nicht der Heteronorm entspricht – also wir. In Anbetracht des Zulaufs, den z.B. die AfD erfährt, wird die Stimmung zunehmend bedrohlicher. Die Redner auf der Veranstaltung riefen nicht nur die Politik dazu auf, die Opfer von § 175 endlich zu rehabilitieren und zu entschädigen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, sich jeder Form von Diskriminierung entgegenzustellen.

Was das Gedenken an die unter den Nazis verfolgten Homosexuellen betrifft, so ist ein Mahnmal am Standort des ehemaligen Schwarzfischer am Oberanger in Planung. Ein Künstlerwettbewerb wurde dazu gerade erst abgeschlossen, wahrscheinlich im November 2014 wird dazu ein Stadtratsbeschluss erfolgen. Das forum homosexualität münchen setzt sich außerdem dafür ein, auch auf andere Weise an die Verfolgten zu erinnern und so queeres Leben in München zur Zeit der Unterdrückung zu dokumentieren. Ziel ist das Legen von Stolpersteinen und das Erstellen von Biographien der Opfer. Wer sich dafür engagieren will, indem er beispielsweise biographische Recherchearbeiten unterstützt oder für Stolpersteine spendet, kann sich an das Forum wenden.

Heute ist Coming-Out-Day!

Logo des National Coming Out Day von Keith Haring (Quelle: Wikipedia)

Logo des National Coming Out Day von Keith Haring (Quelle: Wikipedia)

Für viele liegt das eigene Coming-Out schon lange zurück. Je länger man als geoutete queere Person lebt, v.a. wenn man nicht auf Probleme im Alltag stößt, als desto selbstverständlicher nimmt man das wahr. Mitunter werden die Umstände, wieso andere nicht ebenso leben, immer weniger nachvollziehbar.

Aber natürlich entscheiden sich täglich zahllose Menschen dafür, ihren Mitmenschen gegenüber nicht zu sich selbst zu stehen. Das betrifft nicht nur Jugendliche, die ihre Identität und Orientierung gerade erst entdecken, zudem noch wirtschaftlich von ihren Eltern und Familien abhängig sind und deswegen existentielle negative Folgen eines Coming-Outs befürchten. Es betrifft auch erwachsene Menschen aller Altersstufen – sei es, dass sie nie den Mut gefunden haben, ihren bisherigen Lebensweg so massiv zu ändern, oder dass es ihnen tatsächlich erst relativ spät bewusst wird.

Ganz egal, wie – das Redeverbot, dass man sich selbst auferlegt, hat auf Dauer negative Auswirkungen. Es wirkt absolut erstickend auf die Person selbst und außerdem isolierend, wenn man sich nicht einmal dem engsten Umfeld in einer so grundlegenden Sache anvertrauen kann. Jugendliche, die feststellen, dass sie nicht der Heteronorm entsprechen, denken deutlich öfter an Selbstmord und leiden mehr an Depressionen und Essstörungen als heterosexuelle Jugendliche (Zahlen und weiterführende Literatur findet Ihr hier).

Am 11. Oktober 1987 fand in den USA der Second National March on Washington for Lesbian and Gay Rights mit etwa einer halben Million Teilnehmern statt. In der Folge entstand die Idee, auf die Probleme ungeouteter Menschen stärker aufmerksam zu machen und sie aktiver in ihrer Lage zu unterstützen. Seitdem hat sich der 11. Oktober in der LGBTIQ*-Community als „Feiertag“ für Aktionen rund um das Coming-Out etabliert. In Europa wurde das zunächst von der schweizer Community in den 1990ern übernommen und in Deutschland hat sich der Coming Out Day e.V. gegründet, um „über die Lebenssituation von lesbischen und schwulen Jugendlichen in Deutschland aufzuklären und diese zu verbessern.“ Der Verein betreibt Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema und bietet finanzielle Unterstützung für lokale Projekte wie Coming-Out-Gruppen, Beratungsstellen, Jugendtreffs und Jugendgruppen.

In München kann man sich an die Coming-Out-Gruppen von diversity, LeTRa und Sub e.V. wenden, wenn man direkte Ansprechpartner für das eigene Coming-Out sucht und glaubt, solche im eigenen Umfeld nicht zu haben. Und wenn man auch vor diesem Schritt Angst haben sollte,  findet man auf YouTube zahllose – wenn auch zumeist englischsprachige – Erfahrungsberichte von YouTubern oder TV-Beiträge zum Thema Coming-Out, die einem hoffentlich Mut machen.

Ein Coming-Out ist nicht nur für den Einzelnen wichtig, sondern für die Community als Ganzes. Homphobie ist nachweislich v.a. unter solchen Personen verbreitet, die niemanden kennen, von dem/der sie wissen, dass er oder sie schwul, lesbisch oder bisexuell ist. Sollten sie dann doch irgendwann die Gelegenheit haben, ihren Horizont zu erweitern, weil sich jemand aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis geoutet hat, ändern sie oft ihre Einstellung zum positiven.

Deshalb ist ein Coming-Out eine große Sache, nicht nur für die jeweilige Person, sondern auch für uns alle. Denn jeder einzelne Fall, egal, ob von VIPs in den Medien oder von „Normalos“ bei ihren Freunden, wird sich auf das Klima auswirken, in dem jeder von uns leben muss. Insofern: happy Coming Out Day! Wir hoffen, dass nicht nur heute wieder viele den Mut finden, zu sich selbst zu stehen. Und wenn Ihr es tut, dann freuen wir uns nicht nur für und mit Euch, sondern wir sind Euch auch definitiv dankbar.

Die besorgten Eltern sorgen sich in Augsburg

www.besorgte-eltern.net

Screenshot von der Homepage der besorgten Eltern

Für den 25. Oktober 2014 haben die besorgten Eltern eine Demonstration in Augsburg angemeldet: „Stoppt die Frühsexualisierung der Kinder an Grundschulen!“ (Die Termine ihrer Demonstrationen findet Ihr hier.) Die große Befürchtung der besorgten Eltern ist es, dass ihnen durch staatliche Bildungspläne die Erziehung ihrer Kinder entgleiten würde, v.a. was sexuelle Aufklärung und die Bewertung von „alternativen Lebensweisen“ angeht.

Zwar stellen sie auf ihrem Blog fest, sie seien gegen Diskriminierung und Homophobie (siehe hier), was das Regenbogen-Motiv in ihrem Logo subtil zu unterstreichen scheint. Gleichzeitig halten sie aber die Gleichwertigkeit von sexuellen Orientierungen für eine Unterstellung (hier). Die Themen auf ihren Seiten, die Medien, die sie dort bewerben, und ihre Wortwahl machen deutlich, dass sie alles, was nicht der traditionellen Familie entspricht, für eine Bedrohung halten. Auch die bloße Vermittlung der Tatsache, dass es andere Lebensentwürfe gibt und diese ihre Daseinsberechtigung haben, wird mit Labeln wie „Umerziehung“ und „Indoktrination“ belegt; mit der Phrase „Frühsexualisierung der Kinder“ werden die, die sich um Aufklärung und Wissensvermittlung bemühen,  in die Nähe von Pädophilie und Kindesmissbrauch gerückt. Man setzt so gezielt die Verleumdung ein, homosexuell wäre mit pädophil gleichzusetzen, gegen die sich die queere Community immer noch wehren muss.

Im Mai 2014 hatten die besorgten Eltern auch in München eine Demonstration geplant. Sie bezeichnen sich eigentlich als „politisch unabhängig und neutral, auch in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht“. In München wurde die Aktion aber von der rechtsextremen Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) unterstützt. Der Verein München ist bunt! e.V. rief zu einer Gegendemonstration auf, was von zahlreichen Parteien, Religionsgemeinschaften und Organisationen unterstützt wurde. Schließlich sagten die besorgten Eltern ihre Demonstration in München ab, weswegen auch die Gegendemonstration nicht stattfand.

Die besorgten Eltern demonstrieren in Augsburg am 25. Oktober 2014, um 14:00 am Martin-Luther-Platz.

„Der Tag wird kommen“ – Kurzfilm veröffentlicht

Marcus Wiebusch "Der Tag wird Kommen"

Zum Song mit Kurzfilm einfach auf das Bild klicken.

Marcus Wiebusch, Songwriter, Gitarrist und Sänger der Band Kettcar ist großer Fußballfan. Im April 2014 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum „Konfetti“, das auch den Titel „Der Tag wird kommen“ enthält. Darin singt er über eine Zukunft, in dem es im Fußball keine Rolle mehr spielen wird, ob jemand hetero ist oder nicht.

Das Thema liegt Marcus Wiebusch unter anderem deswegen am Herzen, weil er einen schwulen Bruder hat. Die Idee zum Song entstand im Herbst 2013. Die Arbeiten an dem 7-minütigen Kurzfilm begannen im Mai und wurden durch Crowdfunding finanziert (hier die Seite auf Startnext mit einem kurzen Statement von Wiebusch). Regie führten Dennis Dirksen und Björn Lingner. Sie reisten dafür auch durch ganz Deutschland und filmten in mehreren Städten Fußballfans, die gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung Gesicht zeigen. In München wurde auf der Theresienwiese vor der Bavaria gedreht. Mit dabei waren die FC Bayern-Fans vom Queerpass Bayern und auch die QUEERTREIBER.

Männer-Fußball gilt in Deutschland als einer der Bereiche, wo Männlichkeit und Heterosexualität noch über scharfe Abgrenzung und Abwertung von allem definiert werden, was als unmännlich und schwul gilt. Schwule und bisexuelle Spieler sehen sich in der Regel gezwungen, sich auf ein entwürdigendes und psychisch belastendes Versteckspiel einzulassen. Dass das Thema gesamtgesellschaftlich brisant ist, zeigte sich, als sich unabhängig vom Song der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger im Januar in einem Interview in der Zeit als schwul outete, was massiv Aufsehen erregte. Zwar erfuhr Thomas Hitzlsperger sehr viel Unterstützung, allerdings schlug ihm auch eine Welle der Abneigung und des Schwulenhasses entgegen.

Politik und Sportvereine versuchen aktiv, gegen jede Form der Ausgrenzung im Sport vorzugehen. Es wurde erkannt, dass das auch Schwulenfeindlichkeit betrifft. Am 17. Juli 2013 unterzeichneten daher Mitglieder der Bundesregierung und Funktionäre des Spitzen- und Breitensports die Berliner Erklärung gegen Homophobie im Fußball. Diese geht zurück auf die Initiative „Fußball für Vielfalt“ der Magnus-Hirschfeld-Stiftung (Text und Unterzeichner findet Ihr auf den Seiten der Initiative). Zur selben Zeit veröffentlichte der Deutsche Fußballbund die Informationsbroschüre „Fußball und Homosexualität“ (hier geht es zum Download). Darin bietet er Informationen zum Thema und Hilfe, wie Vereine mit einem Coming-Out von Spielern umgehen können. Ob diese ganzen Bemühungen fruchten, wird sich aber wohl erst zeigen, wenn ein aktiver Spieler der ersten oder zweiten Bundesliga den Mut findet, sich zu outen.

Schwulenfeindliche Gewalt zur Wiesn

Trans- und homosexuelle Menschen werden immer noch Opfer von Beleidigung und körperlicher Gewalt, wie ein jetzt vor Gericht verhandelter Fall vom Oktoberfest letztes Jahr zeigt.

In der Nacht zum 3. Oktober fuhr eine Gruppe schwuler Männer in der Tram. Als sich zwei von ihnen küssten, fingen zwei andere Männer, Mitte 20, an, sie zu beleidigen und anzupöbeln. Als die Schwulen am Hauptbahnhof ausstiegen, folgten ihnen die beiden Männer. Nach kurzer Zeit griff der jüngere von ihnen einen der Schwulen mit einem Faustschlag ins Gesicht an. Im folgenden Gerangel schlug er einem zweiten mit der Faust auf die Nase. Polizisten, die sich am Hauptbahnhof aufhielten, wurden alarmiert und nahmen die Angreifer vorläufig fest.

Die beiden Angeklagten sagten in der Verhandlung aus, sie könnten sich an die Tat aufgrund ihres Alkoholpegels nicht mehr erinnern, was von einem Rechtsmediziner ausgeschlossen wurde. Das Gericht sprach sie wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung schuldig. Da auch Beschimpfungen gefallen waren wie  „Drecksschwuchteln, ihr gehört vergast. Früher wärt ihr ins KZ gekommen“, wurden sie ebenfalls – auch wenn sie beteuerten, nicht der rechten Szene anzugehören – wegen Volksverhetzung verurteilt. Die Geldstrafen belaufen sich auf 6.600 und 7.000 Euro. Dazu der Artikel auf sueddeutsche.de.

Wer mit homo- oder transfeindlicher Gewalt konfrontiert wird und über akute polizeiliche Hilfe hinaus nach weiterer Unterstützung sucht, kann sie finden bei LeTRa, beim Anti-Gewalt-Projekt des Sub e.V., beim Weißen Ring oder beim K 105, der Opferschutzstelle der Münchener Polizei.
Eine Liste von bundesweiten Beratungsstellen für Opfer von v.a. rechtsextremer, aber auch homophober Gewalt, stellt das Netz gegen Nazis zur Verfügung.

Schwule und bisexuelle Männer sollen auch Blutspenden dürfen!

keineBlutspende

Die Richtlinien der Bundesärztekammer schließen derzeit alle Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), vom Blutspenden aus. Der Grund hierfür ist der Schutz der Empfänger vor durch Blut übertragbaren Krankheiten, wie HIV oder Hepatitis C.
Der Ausschluss von Menschen mit risikoreichem Sexualverhalten ist hierfür eine Maßnahme. Bei heterosexuellen Männern wird durch einen Fragebogen ermittelt, ob der Spender ein hohes Risiko aufweist. Bei homo- oder bisexuellen Männern dagegen wird das Risiko von vornherein unterstellt.

Dies ist eine Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

Zudem werden eigentlich geeignete Spender am Blutspenden gehindert. Stefan Gerlach initiierte daher auf Change.org eine Online-Petition, in der er fordert zu überprüfen, ob der Fragebogen zur Blutspende umformuliert werden kann. Es soll nicht mehr unterschieden werden zwischen MSM generell und solchen Heterosexuellen, die risikoreichen Sex haben. Stattdessen sollen alle Personen ausgeschlossen werden, die ungeschützten Verkehr mit wechselnden Partnern haben, unabhängig von ihrem eigenen Geschlecht und dem ihrer Sexualpartner.

Die Petition hat bereits zahlreiche Unterstützer.
Es fehlen nur noch gut 100 Unterschriften, um die minimale Anzahl zu erreichen.
Genauere Informationen und die Möglichkeit zur Unterschrift gibt es hier.