Aufklärung

Vielfalt statt Einfalt in München vorgestellt

Die Redner auf der ersten Veranstaltung von Vielfalt statt Einfalt in München am 17. März 2015.

Die Redner auf der ersten Veranstaltung von Vielfalt statt Einfalt in München am 17. März 2015.

Vor kurzem gründete sich eine Münchener Gruppe des Akionsbündnisses Vielfalt statt Einfalt. Am 17. März 2015 stellte sie sich in den Räumen der Münchner Aids-Hilfe der Öffentlichkeit vor und berichtete gut 30 Zuhörer*innen von ihren Forderungen und von ihrer ersten geplanten Kundgebung, die am 28. März 2015 in München stattfinden wird. Genauer Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben.

Im Publikum saßen wohl zum größten Teil solche, die mit dem Bündnis bereits assoziiert waren. Allerdings sind in der kurzen Zeit seit dem ersten Arbeitstreffen zu den ursprünglichen 13 Organisationen 16 weitere zivilgesellschaftliche hinzugekommen und fünf parteiliche – sowohl Parteiorganisationen als auch einzelne Abgeordnete aus Stadtrat, Landtag und Bundestag. Der aktuelle Anlass auch in München einen Zweig des Bündnisses zu gründen, sind zwar die in Bayern geplanten Aktivitäten der reaktionären „Besorgten Eltern„, dennoch hat es sich Vielfalt statt Einfalt vorgenommen, über bloße Reaktion hinaus eigene Initiativen zu entwickeln und sich langjährig für Gleichberechtigung und Vielfalt zu engagieren. Grundlegendes Thema ist dabei eine Reform der „Familien- und Sexualerziehung“ in den bayerischen Bildungsplänen.

Das Bündnis formuliert auch für Bayern folgende Forderungen:

– Neben der Ehe sollen auch andere Familien- und Partnerschaftsformen als gleichwertig thematisiert werden – ebenso wie Diversity fächerübergreifend im Unterrichtsmaterial Darstellung finden muss. In den meisten Klassen sitzen Schüler*innen, deren familiärer Hintergrund auf die eine oder andere Art nicht der „Hausfrauenehe“ entspricht. Zwar existiert diese rechtlich als solche nicht mehr, doch sind die bayerischen Bildungspläne von ihren Rollenbildern als der Norm noch massiv geprägt. Kinder mit anderem Hintergrund werden somit quasi als nicht vorgesehen ausgegrenzt.

– Homosexualität soll als gleichwertige Orientierung besprochen werden und nicht als problematischer Sonderfall.

– Geschlechtliche Vielfalt muss ebenso Thema und vor allem auch Teil der pädagogischen Ausbildung werden. Lehrkräfte müssen in der Lage sein, sich um Schüler*innen angemessen zu kümmern, die sich ihnen gegenüber beispielsweise als transident anvertrauen.

– Empowerment: Kinder und Jugendliche, die feststellen, dass sie LGBT*IQ sind und sich outen möchten, müssen von ihren Schulen Rückendeckung erfahren. Geoutete Schüler*innen, die souverän und positiv mit ihrer Orientierung und Identität umgehen, beeinflussen die Einstellung ihrer Mitschüler*innen gegenüber LGBT*IQ am meisten nachhaltig positiv. Schulen müssen diesen Prozess unterstützen.

– Durch eine Evaluation des Themas auf Landesebene soll eine systematische und belastbare Datengrundlage geschaffen werden.

– In den Schulen müssen kompetente Ansprechpartner*innen zur Verfügung stehen, wenn sich Schüler*innen als LGBT*IQ outen und sich deswegen beispielsweise Mobbing oder Problemen im Elternhaus ausgesetzt sehen.

Um diese Forderungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene voranzubringen, werden nach wie vor Unterstützer*innen gesucht, die Initiativen und Aktionen mitentwickeln und umsetzen helfen wollen. Erste Aktion wird nun eine Kundgebung  am 28. März in München sein. Für diesen Tag hatten die „Besorgten Eltern“ eine Demonstration gegen die angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern in Kindergärten und Schulen angekündigt. Derzeit ist allerdings unklar, ob diese Demonstration stattfindet.

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Die „Besorgten Eltern“ halten jede Aufklärung über nicht heteronorme Themen an Schulen für schädlich und rücken sie allgemein in den Dunst von Kindesmissbrauch. In einem Impulsvortrag wurde das rechtspopulistische Netzwerk aufgezeigt, in dem sie sich bewegen, und ihr fundamental-religiöser Hintergrund, der in der Embassy of God, einer evangelikalen Freikirche aus Kiew und deren Expansionsbestrebungen zu suchen ist.

Es entspann sich eine Diskussion darüber, ob diese Gruppe ernst zu nehmen sei und ob man ihnen überhaupt Aufmerksamkeit schenken solle. Mehrere beantworteten dies eindeutig mit Ja – die „Besorgten Eltern“ werden durchaus als Gefahr wahrgenommen. Die Vertreterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies darauf hin, dass die „Besorgten Eltern“ Methoden anwenden, denen sich die Erziehungswissenschaften so noch nie ausgesetzt gesehen hätten: Ausgebildetes Fachpersonal wird mit Falschaussagen verunglimpft und es wird zu Schulboykotten aufgerufen. Auch rechtlich gesehen handelten die „Besorgten Eltern“ damit gegen das Kindeswohl, da sie ihren Kindern so das grungesetzlich garantierte Recht auf Bildung entziehen. Sie gestand ein, dass die GEW derzeit noch keinen Weg gefunden habe, mit diesen Anwürfen und Methoden umzugehen.

Screenshot von afd-goslar.de (18.03.2015)

Screenshot von afd-goslar.de (18.03.2015)

In dieselbe Richtung ging ein Hinweis einer Vertreterin vom Aufklärungsprojekt München. Diese Inititaive wird von Schulen dazu eingeladen, in Klassen Bildungsveranstaltungen zu queeren Themen abzuhalten. Das Projekt ist dabei abhängig vom guten Willen der Schulleitung, der Lehrerschaft und vor allem auch des Elternbeirates. Die Arbeit wird erschwert, wenn sich Eltern gegen solche Aktionen aussprechen, weil sie beispielsweise durch Parolen der „Besorgten Eltern“ abgeschreckt wurden (die plakativen Sprüche, die Aufklärungsarbeit falsch darstellen und in den Zusammenhang von Kindesmissbrauch stellen, sind zu sehen in diesem YouTube-Video).

Als besonders problematisch wird das Potential gesehen, das die „Besorgten Eltern“ entfalten könnten. Sie mögen noch eine kleine Gruppe sein, dennoch bringen sie wieder sexistische, homo- und transphobe Anschauungen ins Gespräch, die inzwischen von der Politik, besonders AfD und Union, aufgenommen werden und den Diskurs zunehmend bestimmen unter Missachtung erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisse. Die „Besorgten Eltern“ suchen auch dezidiert den Kontakt in die (Lokal-)Politik: So sprach auf ihrer ersten Demonstration in Augsburg Juri Heiser, Augsburger Stadtrat für die CSU und Träger der Bundesverdienstmedaille. Bei der Demonstration in Hamburg sprach der dortige CDU-Stadtrat Nikolaus Haufler.

Screenshot von afd-hannover.de (18.03.2015)

Screenshot von afd-hannover.de (18.03.2015)

Die „Besorgten Eltern“ sind damit ein Teil einer Palette von rückwärts gewandten Initiativen wie Demo für Alle, die in ihrer Gesamtheit ein mächtiges Moment erzeugen können, so dass ihre Themen Eingang in die Politik finden. Dadurch steht automatisch die Gefahr im Raum, dass ihre Forderungen tatsächlich umgesetzt werden und auch ein Rollback von bisher durch LGBT*IQ erreichten Rechten einleiten. Ein Vertreter von Quarteera erinnerte daran, wie schnell die homophobe Gesetzgebung in Russland umgesetzt wurde und ähnliche Inititaiven in der Ukraine und in Polen eingebracht wurden. Durch den zumeist russlanddeutschen Hintergrund der „Besorgten Eltern“ fänden russische Anschauungen zu queeren Themen Eingang in die deutsche Gesellschaft und könnten durchaus weiter wirken.

Vielfalt statt Einfalt möchte daher den Widerstand gegen diese reaktionären Bestrebungen auf breite Beine stellen und möglichst viele miteinander eng vernetzen, die sich für eine vielfältige und pluralistische Gesellschaft einsetzen – nicht nur, um auf die „Besorgten Eltern“ und ihresgleichen zu reagieren, sondern um proaktiv darauf hinzuwirken, dass die Akzeptanz von LGBT*IQ tiefer und dauerhaft auf allen Ebenen verankert wird. Die Kundgebung am 28. März soll dazu ein erster Schritt des Bündnisses in Bayern sein. Sie wird sattfinden unabhängig davon, ob die „Besorgten Eltern“ demonstrieren.

Haben sich die Besorgten Eltern ausgesorgt?

Screenshot aus der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern "gegen frühsexualisierung und Gender Ideologie" (14.02.2015)

Screenshot aus der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern „gegen frühsexualisierung und Gender Ideologie“ (14.02.2015)

Die Besorgten Eltern hatten in Bayern viel vor: Nach einer zweiten Demonstration in Augsburg gegen die „Frühsexualisierung von Kindern“ an Schulen und Kindergärten am 17. Januar waren für 2015 bis zu fünf weitere in München, Augsburg und Nürnberg geplant. Doch am 13. Februar postete Wadim Renner, einer ihrer Hauptorganisatoren, in der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern gegen „frühsexualisierung und Gender Ideologie“ folgendes: „Wegen Aggressivität unseren gegen Demonstranten, müssen wir leider alle Demo absagen. Danke für Verständnis. Mit freundlichen Grüßen. Besorgte Eltern“ [sic!]. Also keine Kundgebungen mehr oder vielleicht doch nur eine Finte?

Wadim Renner meint mit diesem Post die Besorgte Eltern-Demonstration in Hamburg am 24. Januar: Den etwa 150 Demonstranten stellten sich dort etwa 1.000 Gegendemonstranten entgegen; aufgerufen hatte dazu das Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt. Leider eskalierte die Gegendemonstration – u.a. auf Seiten der Besorgten Eltern erlitt ein 15-jähriges Mädchen eine Platzwunde am Kopf und die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Die Vorgänge sollen weiter untersucht werden, auch da die Hamburger CDU Strafanzeige gegen Unbekannt stellte (siehe dazu im Hamburger Abendblatt und bei der CDU Hamburg).

Screenshot von der Homepage der Besorgten Eltern (14.02.2015)

Screenshot von der Homepage der Besorgten Eltern (14.02.2015)

Die Eskalation wird von den Besorgten Eltern zum einen medial ausgeschlachtet (z.B. in diesem YouTube-Video) und zum anderen scheinen sie die Konsequenz gezogen zu haben, ihre Demonstrationen vorerst einzustellen, da sie die Sicherheit ihrer Teilnehmer nicht gewährleisten können. Doch sollte man sich auf diesen Facebook-Post nicht zu sehr verlassen. Denn im Gegensatz dazu lautet eine „wichtige Mitteilung“ bei den Terminen auf der Homepage der Besorgten Eltern: „Auf Grund aggressivem Verhalten von Gegendemonstraten können wir nicht mehr die Verantwortung für die Bekanntgabe der Demonstrationstermine tragen. Die genauen Termine erhalten Sie nur über einen persönlichen Kontakt zu den Besorgten Eltern. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an kontakt@besorgte-eltern.net!“ [sic!]

Es werden also wohl nicht die Demonstrationen selbst abgesagt, sondern es werden lediglich ihre Termine nicht mehr öffentlich und nur auf Anfrage bekannt gegeben. Das gibt den Besorgten Eltern deutlich mehr Spielraum für Überraschungsaktionen, denen dann – so hoffen sie wohl – nicht von organisierten Gegenaktionen widersprochen wird. Darüber, ob und wann die Besorgten Eltern tatsächlich Demonstrationen anmelden, werden sich ihre Gegner in Zukunft also bei den jeweiligen Stadtverwaltungen informieren müssen.

Sexuelle Vielfalt und so manche Sauerei

Queertreiber-Banner: "Besorgte Eltern, Ent-Sorgt Euch!"

Queertreiber-Banner: „Besorgte Eltern, Ent-Sorgt Euch!“

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Am 17. Januar 2015 hielten die Besorgten Eltern ihre zweite Kundgebung in Augsburg gegen die „Frühsexualisierung von Kindern“ ab. Angemeldet hatte die Veranstaltung wieder der Augsburger Verein Träume-Ziele-Taten (TZT), der sich für das Besorgte-Eltern-Netzwerk engagiert, für 200 erwartete Teilnehmer. Erschienen waren aber nur etwa 50 bis 80, weswegen sie ihren geplanten Umzug durch die Altstadt absagten und nur eine gut zweistündige Kundgebung auf dem Rathausplatz abhielten. Sie kündigten dabei für dieses Jahr fünf weitere in München, Nürnberg und vor allem Augsburg an (hier ihre Termine). Die Besorgten Eltern wehren sich dagegen, dass Kinder in Kindergarten und Schule durch Aufklärungsarbeit mit Sexualität, sexueller Vielfalt und alternativen Familienformen konfrontiert werden, da dies negative Folgen für die kindliche Entwicklung habe.

Gegen die Etablierung ihrer rückwärts gewandten Positionen an Schulen fand sich eine gut doppelt so große Anzahl an Gegendemonstranten ein. An politischen Parteien waren unter ihnen vertreten die Grünen mit den Landtagsabgeordneten Claudia Stamm und Christine Kamm, die SPD, die Linke und die Piraten; daneben eine größere Gruppe der Antifa, außerdem der LSVD, das Forum Augsburg, der Kreisjugendring, pro familia und aus München Mitglieder des Queer-Referates der LMU, vom MLC und die QUEERTREIBER (siehe auch queer.de).

Mathias Ebert, Gründer des Besorgte-Eltern-Netzwerkes, der bei ihrer ersten Augsburger Demonstration im Oktober 2014 noch federführend teilnahm, war dieses Mal nicht anwesend. Damals trat als Redner zudem der CSU-Stadtrat Juri Heiser auf und versprach Unterstützung auf Stadtebene (siehe hier). Dieses Mal sprach er allerdings nicht. Ein solcher Auftritt hätte hinsichtlich einer Positionierung der CSU Fragen aufgeworfen: In München hatte sich die CSU im Mai 2014 aktiv gegen die Besorgten Eltern anlässlich ihrer dort geplanten Demonstration engagiert, v.a. da die Besorgten Eltern von der Münchener Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) unterstützt wurden. Die BIA beteiligte sich im Oktober in Augsburg zwar nicht öffentlich, allerdings wurde im Publikum ihr Vorsitzender Roland Wuttke gesehen (siehe Augsburger Allgemeine). Welcher Art Juri Heisers Rolle bei den Besorgten Eltern und ihrem Netzwerk ist, wollen die Grünen im Stadtrat thematisieren (siehe Augsburger Allgemeine). Diese Frage könnte in Augsburg für Reibung zwischen den Koalitionspartnern sorgen; die Stadt wird regiert von CSU, SPD und Grünen.

Screenshot von einem Post vom 10.01.2015 auf Wadim Renners Facebook-Seite (Jan. 2015)

Screenshot von einem Post vom 10.01.2015 auf Wadim Renners Facebook-Seite (Jan. 2015)

Die Leiter der Kundgebung und Mitbegründer des Vereins TZT, Wadim Renner und seine Tochter Julija, beklagten bei der Veranstaltung, sie wären  im Vorfeld als Nazis verunglimpft worden. Bei den Besorgten Eltern handle es sich ihrer Darstellung nach um nichts anderes, als was ihr Name andeutet: Eltern, die auf ihrem grundgesetzlich garantierten Recht bestehen, über die Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen, und zwar ohne dass Religion oder politische Richtung ihrer Organisatoren und Unterstützer eine Rolle spielten. Die bisherigen Verwicklungen mit der BIA sowie das „Expertennetzwerk„, das sie zur Untermauerung ihrer Argumente heranziehen, lassen aber den Schluss zu, dass ihr politischer Hintergrund doch nicht so neutral ist, wie sie andeuten. Einer von Wadim Renners Facebook-Posts, auf dem er ein Bild der Facebook-Gruppe „Besorgte Eltern für deutsche Werte“ teilt, hinterlässt ebenfalls einen leichten Beigeschmack.  Sie betonen auch, sie seien nicht homophob, doch kratzt man ein wenig an ihrer Oberfläche, erscheint dies als bloße Augenwischerei. Abgesehen von ihrem reaktionären Netzwerk widersprechen sie sich in diesem Punkt selbst, wenn sie sexuelle Vielfalt einer „Sauerei“ gleichstellen, wie sie es in ihrem auch in Augsburg mehrfach aufgeführten Song „Wir sind stark im Netzwerk“ tun (siehe hier).

Die Augsburger Grünen hatten versucht, ebenfalls auf dem Rathausplatz eine Gegendemonstration anzumelden, was von der Stadt aber nicht genehmigt worden war. Stattdessen konnten sie am Moritzplatz  einen Infostand für Vielfalt und Toleranz errichten. Dennoch hielten sich die Gegendemonstranten zumeist am Rathausplatz auf und wurden dort von den Besorgten Eltern durch eine Polizeikette getrennt. Es kam zu keinen Zwischenfällen, auf beiden Seiten lief alles friedlich ab. Die Gegendemonstranten versuchten, die Parolen der Besorgten Eltern („Sex mit sechs im Unterricht, das geht nicht“, „Aufklärung mit sieben, das ist übertrieben“) mit eigenen Sprechchören zu übertönen. Mit einem Standort direkt vor dem historischen Rathaus waren die Besorgten Eltern sehr prominent aufgestellt. Im Nachhinein schien dieses aber eher zu ihrem Nachteil zu sein, da sie auf dem recht weiten Rathausplatz doch etwas verloren wirkten.

Warum sich gegen die Besorgten Eltern engagieren?

Screenshot von einem YouTube-Video zu einer der Demos der Besorgten Eltern. Ganz links ihr Gründer Mathias Ebert (Jan. 2015)

Screenshot von einem YouTube-Video zu einer der Demos der Besorgten Eltern. Ganz links ihr Gründer Mathias Ebert (Jan. 2015)

Seit letztem Jahr versuchen die Besorgten Eltern in Bayern Fuß zu fassen. Ihr erster Versuch in München im Mai 2014 ist am Widerstand der Bevölkerung gescheitert (siehe München ist bunt). Allerdings entpuppt sich ihr darauf erfolgter Rückzug als ein rein strategischer. Derzeit agieren sie in Augsburg und haben dort bei ihrer ersten Demonstration im Oktober 2014 verkündet, Augsburg solle Ausgangsbasis für weitere Aktionen in Bayern sein (wir berichteten). Dies setzen sie konsequent in die Tat um: Ihre nächste Demonstration findet am 17. Januar statt und allein in Bayern folgen 2015 fünf weitere in München, Nürnberg und Augsburg (siehe ihre Demonstrationstermine).

Ihr Thema, mit dem sie ihre Demonstrationen anmelden, ist eine von ihnen in Bildungsplänen erkannte „Frühsexualisierung von Kindern“. Dieses Schlagwort unterstellt eine Manipulation der Entwicklung von Kindern und sogar systematischen, staatlich geförderten Kindesmissbrauch an Schulen und Kindergärten. Sie forcieren diesen Eindruck durch verzerrende Parolen bei ihren Demonstrationen (siehe dieses YouTube-Video), um Aufklärung generell zu diskreditieren. Nach Meinung der Besorgten Eltern beschädigt Aufklärung, auch über nicht-heterosexuelle Lebensweisen und Familienformen, die kindliche Psyche und führt zu psychischen Störungen. Ihre Unterstellungen greifen die Basis vom Selbstverständnis der queeren Community an.

Deswegen sind unsere Argumente:

1. Dass es uns LGBT*IQ gibt und dass wir so sind, wie wir sind, ist nicht schädlich – weder für unsere einzelnen Mitmenschen, noch für die Gesellschaft als Ganzes.

2. Die „Besorgten Eltern“ behaupten, dass es eine Verführung zu einer sexuellen Orientierung gäbe, Kinder also „schwul gemacht werden“ könnten. Dies ignoriert die wissenschaftlich gesicherte Tatsache, dass die Entwicklung der sexuellen Orientierung mit drei Jahren abgeschlossen ist und unterstellt uns eine tatsächliche Gefährdung des Kindeswohls. Mit dieser Behauptung wurde stets die Verfolgung von LGBT*IQ begründet.

3. Das Verschweigen queerer Themen verfestigt homo- und transphobes Klima und fördert Anfeindungen gegenüber LGBT*IQ – unter Schülern wie auch in der Gesamtgesellschaft. Denn Vorurteile werden so nicht frühzeitig bekämpft, sondern von Jugendlichen ins Erwachsenenalter mitgenommen.

4. Hinter den besorgten Eltern stehen reaktionäre Ideologien, die homo- und transfeindlich und sexistisch sind. Die Verbannung queerer Themen aus Schulen soll unsere Emanzipation, Gleichstellung und Akzeptanz aufhalten und schließlich rückgängig machen.

5. Kinder und Jugendliche, die feststellen, dass sie in ihrer Identität und Orientierung anders sind, werden mit ihrem Bewusstsein dessen allein gelassen. Wenn sie in ihrer nächsten Umgebung keine anderen Möglichkeiten haben, sich jemandem anzuvertrauen, leiden viele massiv unter ihrer Isolierung bis hin zu Selbstmordgedanken und leider zu oft erfolgreichen -versuchen.

Daneben gibt es zahlreiche weitere Punkte, von denen jeder für sich schon schwerwiegend ist. Zum einen das reaktionäre bis rechtspopulistische „Expertennetzwerk„, das sie pflegen. Zum anderen der fundamentalistisch-evangelikale, homo- und transphobe religiöse Hintergrund, aus dem die Organisatoren des Augsburger Ablegers, Wadim Renner und seine Tochter Julija, kommen. Zum Dritten, dass diese durch Juri Heiser, einen CSU-Stadtrat, Unterstützung aus der Politik erhalten (dazu die Nachforschungen von zwei Münchner Grünen). Dadurch ist ihre Aussage, sie seien nicht homophob und politisch und religiös neutral, nicht glaubwürdig. Darüber hinaus argumentieren sie nicht sachlich, sondern spielen durch Unterstellungen und teilweise Falschaussagen in manipulativer Weise mit den Ängsten der Menschen (s.o. und einer ihrer Flyer).

Wir sind bereit, uns den Besorgten Eltern in offener und öffentlicher Diskussion zu stellen. Es ist wichtig, ihre Positionen zu kennen und vor allem ernst zu nehmen. Ihre Agenda für Bayern und ganz Deutschland zeigt, sie wollen mit aller Macht ihre Ansichten in der Zivilgesellschaft verankern und ihnen mehr Gewicht verschaffen. Wir dürfen sie daher nicht ignorieren.

Besorgte Eltern in Augsburg am 17.1.2015: Fundamentalchristen im Hintergrund

Screenshot der Homepage der Embassy of God, Jan. 2015

Screenshot der Homepage der Embassy of God, Jan. 2015

Die Besorgten Eltern veranstalten am 17. Januar 2015 um 14:00 am Augsburger Rathausplatz ihre zweite Demo gegen „die Frühsexualisierung von Kindern“ in Bayern. Um ein Zeichen für Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit zu setzen, haben die Augsburger Grünen einen Infostand am Moritzplatz angemeldet. Die QUEERTREIBER werden ebenfalls vor Ort sein, um Flagge zu zeigen. Es sind alle eingeladen, sich anzuschließen.

Das Netzwerk der Besorgten Eltern wehrt sich gegen Sexualaufklärung von Kindern in Kindergärten und an Schulen. Ihrer Meinung nach hat eine „Konfrontation“ mit Sexualität in einem zu jungen Alter – dazu zählt für sie auch schon altersgerechte Aufklärung darüber, wie Kinder entstehen oder die bloße Information, dass es auch gleichgeschlechtliche Paare und Eltern gibt – schwerwiegende negative Folgen: nämlich geistige Verwirrung, Beziehungsunfähigkeit, diverse Perversionen und letztendlich die drohende Auflösung der Gesellschaft.

Sie bezeichnen sich zwar ausdrücklich als nicht homophob, doch setzt man sich etwas genauer mit ihren Positionen und vor allem ihren personellen Hintergründen auseinander, darf man diese Aussage als bloßes Feigenblatt bezeichnen. Seit ihrer letzten Demo in Augsburg im Oktober 2014 (wir berichteten) haben Kerstin Dehne und Werner Gaßner von den Münchner Grünen recherchiert, wer die Organisatoren vom Augsburger Ableger der Besorgten Eltern sind, und ihre Ergebnisse zuletzt am 8. Januar 2015 im Münchner Sub vorgestellt. Die treibenden Kräfte in Augsburg sind demnach Wadim Renner und seine Tochter Julija Renner. Sie sind Mitglieder der Embassy of God, einer Freikirche aus der Ukraine. Als evangelikale Glaubensgemeinschaft legt sie Wert auf die wortgetreue Auslegung der Bibel, einschließlich ihrer homofeindlichen Passagen. Konsequenterweise ging sie in Kiew aktiv gegen den CSD vor (siehe ihre Homepage). Bei Julija Renner geht ihre Mitgliedschaft aus einigen iher Facebook-Posts hervor. Wadim Renner wurde auf einer der Embassy-Seiten als „assistant Pastor“ in Berlin bezeichnet (siehe hier). Kerstin Dehne und Werner Gaßner konnten von mehreren weiteren personellen Verbindungen Renners ins Umfeld der Embassy berichten. Diese Glaubensgemeinschaft betreibt ihre Mission vor allem in Verbindung mit der Rehabilitation von Suchtkranken und Resozialisierung von Obdachlosen. Parallel dazu sucht sie gezielt die Nähe zur Politik, indem sie ihre Mitglieder in Parteien platziert (mehr in dieser 3sat-Produktion von 2014, ab min 24:30). Sie betreibt ein Netzwerk von Firmen und Vereinen, die nicht auf den ersten Blick der Embassy zugeordnet werden können.

Ähnliches scheint nun in Augsburg zu passieren. Laut des Portals RusDeutsch hat Wadim Renner bereits Vereine in Kassel und Berlin gegründet und setzt diese Aktivitäten nun in Augsburg fort. Er und seine Tochter Julija gründeten den Jugendverein Träume-Ziele-Taten (TZT), der die Augsburger Besorgte-Eltern-Demo im Oktober 2014 anmeldete und organisierte. TZT stellte sich dort als „normale Jugend mit gesunden Werten und gesunden Prinzipien“ dar, die Jugendlichen helfen wolle, ihren Platz im Leben zu finden. Eine organisatorische Basis in Augsburg besteht also bereits und auch der Kontakt in die Politik ist gegeben. Auf der letzten Demo war einer der Redner und Unterstützer Juri Heiser, Stadtrat der Augsburger CSU (hier die Liste der CSU-Räte). Abgesehen vom Kontakt in das höchste Gremium der Stadt bringt Juri Heiser auch Renommee mit, denn erst am 5. Dezember 2014 verlieh ihm Bundespräsident Joachim Gauck die Bundesverdienstmedaille für sein Engagement bei der Integration von Russlanddeutschen (siehe die Seite des Bundespräsialamtes). Interessant auch insofern, als sich die Münchner Stadratsfraktion der CSU öffentlich gegen die Besorgten Eltern engagiert hat (siehe hier), da sie in München von der NPD-nahen Bürgerinitiative Ausländerstop (BIA) unterstützt wurden.

Über inhaltliche Fragen zu Aufklärung an Schulen hinaus stellt sich also die Frage, ob hier nicht eine reaktionäre und fundamentalistische Glaubensgemeinschaft die Auseinandersetzung um deutsche Bildungspläne benutzt, um ihre Jüngerschaft in Bayern zu erweitern und hinter den Kulissen Einfluss auf Gesellschaft und Politik zu nehmen. Wadim Renner hat auf Facebook jedenfalls schon eine weitere Veranstaltung erstellt: Eine Besorgte-Eltern-Demonstration in Nürnberg im November 2015.

Update: Die Besorgten Eltern haben inzwischen zahlreiche weitere Termine veröffentlicht (Stand 14.01.2015). In Bayern am 28.3. in München, am 16.5. und 22.8. wieder in Augsburg und am 7.11. in Augsburg und Nürnberg (queer.de berichtete).

„Selbstbefriedigung und andere sexuelle Ausschweifungen“ – Nächste Demo der besorgten Eltern in Augsburg für den 17. Januar 2015 geplant

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Am 25. Oktober 2014 demonstrierten die besorgten Eltern in Augsburg: „Stoppt die Frühsexualisierung der Kinder an Grundschulen!“ Unter „Frühsexualisierung“ verstehen die besorgten Eltern und ihr Gründer Mathias Ebert ganz allgemein sexuelle Aufklärung und auch Aufklärung über Lebensweisen, die nicht der Heteronorm entsprechen und trotzdem positiv dargestellt werden.

Die Initiative der besorgten Eltern funktioniert gewissermaßen nach dem Franchise-Prinzip: Vor Ort gibt es Personen oder Organisationen, die eine Veranstaltung zum Thema auf die Beine stellen wollen und dabei vom Netzwerk der besorgten Eltern unterstützt werden. In Augsburg war es der Jugendverein TZT „Träume Ziele Taten“, der die Demonstration angemeldet hatte und sich auf dieser als „Jugend mit gesunden Prinzipien und gesunden Werten“ beschrieb. Auf seiner öffentlichen Facebook-Gruppenseite hat der Verein Fotos von der Veranstaltung hochgeladen und auch schon den 17. Januar 2015 als Termin für die nächste Demo bekannt gegeben, der aber noch nicht auf der Termin-Liste der besorgten Eltern steht.

Die Veranstaltung war für 500 Personen angemeldet, gekommen sind etwa knapp 100. Kurz nach 14:00 wurde mit einem Marsch durch die Altstadt begonnen, u.a. am Rathaus vorbei und einen Teil der Maximilianstraße entlang. Dabei verteilten sie ihr Flugblatt und riefen in Sprechchören Parolen wie „Sex mit sechs im Unterricht – das geht nicht“, „Aufklärung mit sieben – das ist übertrieben“, „Kinder brauchen Liebe und keinen Sex“ oder „Gebt den Kindern Zeit, sie sind noch nicht so weit“. Die Teilnehmer, zu denen auch einige Kinder und Jugendliche gehörten, trugen Schilder, die von den Organisatoren im Vorfeld hergestellt und verteilt worden waren und auf denen Schlagworte wie „Finger weg von unseren Kindern“ oder „Schützt die kindliche Welt“ zu lesen waren.

Nach dem Umzug fand am Martin-Luther-Platz, wo sie eine Bühne aufgebaut hatten, eine Kundgebung statt. Zu den Rednern gehörte auch Mathias Ebert, der Gründer der besorgten Eltern. Seine Ansprache begann mit einer kleinen Überraschung. Um gegen die Veranstaltung zu protestieren, hatte sich nämlich ein Häuflein queerer Augsburger und Münchner Gegendemonstranten eingefunden, die mit ihren Regenbogen-Fahnen am Rand des Platzes deutlich zu sehen waren. Es waren Mitglieder von der AIDS-Hilfe, vom Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayernvom Lesben- und Schwulenverband, von der Linken, der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und von den Queertreibern. Mathias Ebert begrüßte alle Anwesenden und ganz besonders auch „die Leute mit den Regenbogenfahnen.“ Er legte Wert darauf, dass die besorgten Eltern nicht gegen Homosexuelle seien, sondern dagegen, dass Kinder mit Sexualität konfrontiert werden, egal ob hetero- oder homosexuell. Denn „wer Kinder damit [also Sexualität] konfrontiert, gehört eingesperrt.“ 

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

An jenem Nachmittag gewann man den Eindruck, dass sich im Weltbild der Demonstranten erstens Kinder scheinbar gar nicht dafür interessieren, woher Kinder kommen und wieso beispielsweise ihr Kindergartenfreund zwei Mütter hat. Zweitens scheint ihrer Meinung nach jeder Versuch, Kinder zu diesen Themen aufzuklären, eine regelrechte Vergewaltigung zu sein. In ihrem Flugblatt warnen die besorgten Eltern: „Ein Kind, das […] vor der Pubertät solche Dinge lernt, wird noch schneller Lust an Selbstbefriedigung und anderen sexuellen Ausschweifungen gewinnen. Dies führt wiederum zu einer gestörten Persönlichkeit.“ Mathias Ebert sagte in seiner Rede: „Kinder, die von Kindheit an durchsexualisiert sind, bekommt man nicht mehr repariert.“ Die natürliche Reinheit der Kinder sei für immer verloren.

Bezogen auf Aufklärung über queere Themen legen sie ihre angebliche Toleranz gegenüber Homosexuellen doch schnell wieder ab: Denn klärt man Kinder über LGBT*IQ auf, so „führt das dazu, dass Kinder ihre Unschuld, die kindliche Geborgenheit noch früher verlieren und Gefahr laufen, nicht mehr im Stande zu sein, eine feste Beziehung zu führen“ (siehe „Fakt Nr. 4“ auf ihrem Flubglatt). Und schließlich seien auch Kinder selbst gegen Frühsexualisierung, denn „zwei gleiche Geschlechter können nicht die Rollen von zwei verschiedenen Geschlechtern spielen“ – so erklärt von einem Mädchen in einem Youtube-Video, das sie auf ihrer Seite neben anderen Videos posten.

Der Youtube-Kanal, auf dem das Video zu sehen ist, nennt sich übrigens „Посольства Божье Кассель“ – „Embassy of God Kassel“. Bei der Embassy of God handelt es sich um eine in Kiew gegründete evangelikale Glaubensgemeinschaft, die auch in Deutschland Ableger unterhält. In der Ukraine ging sie auch gegen den CSD in Kiew vor. Auf Youtube ist außerdem ein Mitschnitt von Teilen des Augsburger Demonstrationszuges und von der Ansprache Mathias Eberts zu finden. Der Kanal, der dieses Video zur Verfügung stellt, heißt „ZION Evangeliums Christen“ und ist der Kanal eines gleichnamigen, deutsch-russischen evangelikalen Vereins in Augsburg. In einer der dort hinterlegten Predigten, „Die Gemeinde Christi und der Antichrist“ wird beispielsweise die Tatsache, dass Homosexuelle in einigen Kirchen heiraten dürfen oder ihre Beziehungen gesegnet werden, als Versuch „des Feindes“ ausgelegt, die Werte der Gemeinde Christi zu verwirren, um diese zu zerstören. Die Aussage der besorgten Eltern, sie seien gegen Homophobie und Diskriminierung, darf man in Anbetracht solcher flankierenden Organsiationen wohl hinterfragen.

Auch wenn sich Wadim Renner, einer der Organisatoren, beklagte, dass lange nicht alle 500 Sympathisanten, die sich im Vorfeld angemeldet hatten, erschienen sind, verkündete Mathias Ebert den Plan, Augsburg stelle den Anfang für weitere Aktionen der besorgten Eltern in ganz Bayern dar.  Man muss mit ihnen hier also auch weiterhin rechnen, anscheinend schon kommenden Januar.