Bayern

Vielfalt statt Einfalt in München vorgestellt

Die Redner auf der ersten Veranstaltung von Vielfalt statt Einfalt in München am 17. März 2015.

Die Redner auf der ersten Veranstaltung von Vielfalt statt Einfalt in München am 17. März 2015.

Vor kurzem gründete sich eine Münchener Gruppe des Akionsbündnisses Vielfalt statt Einfalt. Am 17. März 2015 stellte sie sich in den Räumen der Münchner Aids-Hilfe der Öffentlichkeit vor und berichtete gut 30 Zuhörer*innen von ihren Forderungen und von ihrer ersten geplanten Kundgebung, die am 28. März 2015 in München stattfinden wird. Genauer Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben.

Im Publikum saßen wohl zum größten Teil solche, die mit dem Bündnis bereits assoziiert waren. Allerdings sind in der kurzen Zeit seit dem ersten Arbeitstreffen zu den ursprünglichen 13 Organisationen 16 weitere zivilgesellschaftliche hinzugekommen und fünf parteiliche – sowohl Parteiorganisationen als auch einzelne Abgeordnete aus Stadtrat, Landtag und Bundestag. Der aktuelle Anlass auch in München einen Zweig des Bündnisses zu gründen, sind zwar die in Bayern geplanten Aktivitäten der reaktionären „Besorgten Eltern„, dennoch hat es sich Vielfalt statt Einfalt vorgenommen, über bloße Reaktion hinaus eigene Initiativen zu entwickeln und sich langjährig für Gleichberechtigung und Vielfalt zu engagieren. Grundlegendes Thema ist dabei eine Reform der „Familien- und Sexualerziehung“ in den bayerischen Bildungsplänen.

Das Bündnis formuliert auch für Bayern folgende Forderungen:

– Neben der Ehe sollen auch andere Familien- und Partnerschaftsformen als gleichwertig thematisiert werden – ebenso wie Diversity fächerübergreifend im Unterrichtsmaterial Darstellung finden muss. In den meisten Klassen sitzen Schüler*innen, deren familiärer Hintergrund auf die eine oder andere Art nicht der „Hausfrauenehe“ entspricht. Zwar existiert diese rechtlich als solche nicht mehr, doch sind die bayerischen Bildungspläne von ihren Rollenbildern als der Norm noch massiv geprägt. Kinder mit anderem Hintergrund werden somit quasi als nicht vorgesehen ausgegrenzt.

– Homosexualität soll als gleichwertige Orientierung besprochen werden und nicht als problematischer Sonderfall.

– Geschlechtliche Vielfalt muss ebenso Thema und vor allem auch Teil der pädagogischen Ausbildung werden. Lehrkräfte müssen in der Lage sein, sich um Schüler*innen angemessen zu kümmern, die sich ihnen gegenüber beispielsweise als transident anvertrauen.

– Empowerment: Kinder und Jugendliche, die feststellen, dass sie LGBT*IQ sind und sich outen möchten, müssen von ihren Schulen Rückendeckung erfahren. Geoutete Schüler*innen, die souverän und positiv mit ihrer Orientierung und Identität umgehen, beeinflussen die Einstellung ihrer Mitschüler*innen gegenüber LGBT*IQ am meisten nachhaltig positiv. Schulen müssen diesen Prozess unterstützen.

– Durch eine Evaluation des Themas auf Landesebene soll eine systematische und belastbare Datengrundlage geschaffen werden.

– In den Schulen müssen kompetente Ansprechpartner*innen zur Verfügung stehen, wenn sich Schüler*innen als LGBT*IQ outen und sich deswegen beispielsweise Mobbing oder Problemen im Elternhaus ausgesetzt sehen.

Um diese Forderungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene voranzubringen, werden nach wie vor Unterstützer*innen gesucht, die Initiativen und Aktionen mitentwickeln und umsetzen helfen wollen. Erste Aktion wird nun eine Kundgebung  am 28. März in München sein. Für diesen Tag hatten die „Besorgten Eltern“ eine Demonstration gegen die angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern in Kindergärten und Schulen angekündigt. Derzeit ist allerdings unklar, ob diese Demonstration stattfindet.

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Die „Besorgten Eltern“ halten jede Aufklärung über nicht heteronorme Themen an Schulen für schädlich und rücken sie allgemein in den Dunst von Kindesmissbrauch. In einem Impulsvortrag wurde das rechtspopulistische Netzwerk aufgezeigt, in dem sie sich bewegen, und ihr fundamental-religiöser Hintergrund, der in der Embassy of God, einer evangelikalen Freikirche aus Kiew und deren Expansionsbestrebungen zu suchen ist.

Es entspann sich eine Diskussion darüber, ob diese Gruppe ernst zu nehmen sei und ob man ihnen überhaupt Aufmerksamkeit schenken solle. Mehrere beantworteten dies eindeutig mit Ja – die „Besorgten Eltern“ werden durchaus als Gefahr wahrgenommen. Die Vertreterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies darauf hin, dass die „Besorgten Eltern“ Methoden anwenden, denen sich die Erziehungswissenschaften so noch nie ausgesetzt gesehen hätten: Ausgebildetes Fachpersonal wird mit Falschaussagen verunglimpft und es wird zu Schulboykotten aufgerufen. Auch rechtlich gesehen handelten die „Besorgten Eltern“ damit gegen das Kindeswohl, da sie ihren Kindern so das grungesetzlich garantierte Recht auf Bildung entziehen. Sie gestand ein, dass die GEW derzeit noch keinen Weg gefunden habe, mit diesen Anwürfen und Methoden umzugehen.

Screenshot von afd-goslar.de (18.03.2015)

Screenshot von afd-goslar.de (18.03.2015)

In dieselbe Richtung ging ein Hinweis einer Vertreterin vom Aufklärungsprojekt München. Diese Inititaive wird von Schulen dazu eingeladen, in Klassen Bildungsveranstaltungen zu queeren Themen abzuhalten. Das Projekt ist dabei abhängig vom guten Willen der Schulleitung, der Lehrerschaft und vor allem auch des Elternbeirates. Die Arbeit wird erschwert, wenn sich Eltern gegen solche Aktionen aussprechen, weil sie beispielsweise durch Parolen der „Besorgten Eltern“ abgeschreckt wurden (die plakativen Sprüche, die Aufklärungsarbeit falsch darstellen und in den Zusammenhang von Kindesmissbrauch stellen, sind zu sehen in diesem YouTube-Video).

Als besonders problematisch wird das Potential gesehen, das die „Besorgten Eltern“ entfalten könnten. Sie mögen noch eine kleine Gruppe sein, dennoch bringen sie wieder sexistische, homo- und transphobe Anschauungen ins Gespräch, die inzwischen von der Politik, besonders AfD und Union, aufgenommen werden und den Diskurs zunehmend bestimmen unter Missachtung erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisse. Die „Besorgten Eltern“ suchen auch dezidiert den Kontakt in die (Lokal-)Politik: So sprach auf ihrer ersten Demonstration in Augsburg Juri Heiser, Augsburger Stadtrat für die CSU und Träger der Bundesverdienstmedaille. Bei der Demonstration in Hamburg sprach der dortige CDU-Stadtrat Nikolaus Haufler.

Screenshot von afd-hannover.de (18.03.2015)

Screenshot von afd-hannover.de (18.03.2015)

Die „Besorgten Eltern“ sind damit ein Teil einer Palette von rückwärts gewandten Initiativen wie Demo für Alle, die in ihrer Gesamtheit ein mächtiges Moment erzeugen können, so dass ihre Themen Eingang in die Politik finden. Dadurch steht automatisch die Gefahr im Raum, dass ihre Forderungen tatsächlich umgesetzt werden und auch ein Rollback von bisher durch LGBT*IQ erreichten Rechten einleiten. Ein Vertreter von Quarteera erinnerte daran, wie schnell die homophobe Gesetzgebung in Russland umgesetzt wurde und ähnliche Inititaiven in der Ukraine und in Polen eingebracht wurden. Durch den zumeist russlanddeutschen Hintergrund der „Besorgten Eltern“ fänden russische Anschauungen zu queeren Themen Eingang in die deutsche Gesellschaft und könnten durchaus weiter wirken.

Vielfalt statt Einfalt möchte daher den Widerstand gegen diese reaktionären Bestrebungen auf breite Beine stellen und möglichst viele miteinander eng vernetzen, die sich für eine vielfältige und pluralistische Gesellschaft einsetzen – nicht nur, um auf die „Besorgten Eltern“ und ihresgleichen zu reagieren, sondern um proaktiv darauf hinzuwirken, dass die Akzeptanz von LGBT*IQ tiefer und dauerhaft auf allen Ebenen verankert wird. Die Kundgebung am 28. März soll dazu ein erster Schritt des Bündnisses in Bayern sein. Sie wird sattfinden unabhängig davon, ob die „Besorgten Eltern“ demonstrieren.

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Vielfalt statt Einfalt jetzt auch in München

Vielfalt statt Einfalt München

Vielfalt statt Einfalt München

Im Februar 2015 hat sich in München ein bayerischer Ableger des Aktionsbündnisses Vielfalt statt Einfalt gegründet. Neben 12 anderen Organisationen sind auch die QUEERTREIBER unter den Gründungsmitgliedern. Das Münchner Bündnis stellt sich nun der Öffentlichkeit vor und lädt dafür zu einer Informationsveranstaltung am Dienstag, den 17. März 2015 um 19:30 in den Räumen der Münchner Aids-Hilfe ein.

Vielfalt statt Einfalt gründete sich 2014 in Niedersachsen, als dort die der AfD nahe stehende Initiative Familienschutz gegen Pläne der Landesregierung mobil machte, die Vielfalt von sexueller Orientierung und Geschlecht, Familien- und Rollenbildern in Bildungseinrichtungen zu thematisieren. Zwar ist im CSU-regierten Bayern nicht davon auszugehen, dass diese Themen einem Lehrplan demnächst auch nur nahe kommen könnten, trotzdem hat sich mit den Besorgten Eltern eine ähnlich gelagerte Initiative auch in Bayern in Stellung gebracht und ist seit dem letzten Jahr hier aktiv. Nach zwei Demonstrationen in Augsburg sind weitere Kundgebungen in München, Augsburg und Nürnberg geplant. Derartige Initiativen sehen durch bloße Aufklärung über queere Themen ihre Kinder, die Familie an sich und dadurch letztendlich den Fortbestand der Gesellschaft bedroht. Mit Schlagworten wie „Umerziehung“ oder „Sexualisierung“ halten sie den Irrglauben aufrecht, dass man Kinder zur Homosexualität erziehen könnte, und rücken Aufklärungsarbeit in die Nähe von Kindesmissbrauch. Sie versuchen Einfluss auf die Politik zu gewinnen u.a. mit dem Ziel, die Gleichstellung von LGBT*IQ zu begrenzen und nach Möglichkeit wieder umzukehren. Im täglichen Leben verstärken sie dadurch Homo- und Transfeindlichkeit und verwehren damit queeren Menschen an Schulen ein unbeschwertes Leben.

Vielfalt statt Einfalt setzt sich deshalb dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in einem angstfreien Klima einen selbstbestimmten, verantwortlichen und gewaltfreien Umgang mit Sexualität und der eigenen Identität erlernen können. Sexualpädagogik leistet einen Beitrag dazu, Kinder und Jugendliche zu selbstbewussten Erwachsenen zu erziehen und unterstützt damit zum einen den Schutz vor sexuellem Missbrauch und zum anderen die Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten. Die ganze Vielfalt von sexueller Orientierung und Geschlecht, von Familien- und Rollenbildern soll letztendlich auch in Bayern selbstverständliches Querschnittsthema in allen Bildungseinrichtungen werden. Ignoranz, Angst und Vorurteile dürfen nicht das gesellschaftliche Klima bestimmen. Die Gründungsmitglieder des Bündnisses sind folgende Organisationen:

Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V.
Aufklärungsprojekt München
Bundesarbeitsgemeinschaft Die Linke Queer
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) – Stadtverband München
HM Queer
Kontaktgruppe Munich Kiev Queer
Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayern
Münchner Aids Hilfe e. V.
Queer Campus
Queertreiber
rosa liste München
Schwule Lehrer Bayern
VivaTS München

Wer sich also für das Aktionsbündnis interessiert oder es unterstützen möchte, ist herzlich zur Veranstaltung am 17. März eingeladen.

Haben sich die Besorgten Eltern ausgesorgt?

Screenshot aus der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern "gegen frühsexualisierung und Gender Ideologie" (14.02.2015)

Screenshot aus der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern „gegen frühsexualisierung und Gender Ideologie“ (14.02.2015)

Die Besorgten Eltern hatten in Bayern viel vor: Nach einer zweiten Demonstration in Augsburg gegen die „Frühsexualisierung von Kindern“ an Schulen und Kindergärten am 17. Januar waren für 2015 bis zu fünf weitere in München, Augsburg und Nürnberg geplant. Doch am 13. Februar postete Wadim Renner, einer ihrer Hauptorganisatoren, in der Facebook-Gruppe Besorgte Eltern gegen „frühsexualisierung und Gender Ideologie“ folgendes: „Wegen Aggressivität unseren gegen Demonstranten, müssen wir leider alle Demo absagen. Danke für Verständnis. Mit freundlichen Grüßen. Besorgte Eltern“ [sic!]. Also keine Kundgebungen mehr oder vielleicht doch nur eine Finte?

Wadim Renner meint mit diesem Post die Besorgte Eltern-Demonstration in Hamburg am 24. Januar: Den etwa 150 Demonstranten stellten sich dort etwa 1.000 Gegendemonstranten entgegen; aufgerufen hatte dazu das Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt. Leider eskalierte die Gegendemonstration – u.a. auf Seiten der Besorgten Eltern erlitt ein 15-jähriges Mädchen eine Platzwunde am Kopf und die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Die Vorgänge sollen weiter untersucht werden, auch da die Hamburger CDU Strafanzeige gegen Unbekannt stellte (siehe dazu im Hamburger Abendblatt und bei der CDU Hamburg).

Screenshot von der Homepage der Besorgten Eltern (14.02.2015)

Screenshot von der Homepage der Besorgten Eltern (14.02.2015)

Die Eskalation wird von den Besorgten Eltern zum einen medial ausgeschlachtet (z.B. in diesem YouTube-Video) und zum anderen scheinen sie die Konsequenz gezogen zu haben, ihre Demonstrationen vorerst einzustellen, da sie die Sicherheit ihrer Teilnehmer nicht gewährleisten können. Doch sollte man sich auf diesen Facebook-Post nicht zu sehr verlassen. Denn im Gegensatz dazu lautet eine „wichtige Mitteilung“ bei den Terminen auf der Homepage der Besorgten Eltern: „Auf Grund aggressivem Verhalten von Gegendemonstraten können wir nicht mehr die Verantwortung für die Bekanntgabe der Demonstrationstermine tragen. Die genauen Termine erhalten Sie nur über einen persönlichen Kontakt zu den Besorgten Eltern. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an kontakt@besorgte-eltern.net!“ [sic!]

Es werden also wohl nicht die Demonstrationen selbst abgesagt, sondern es werden lediglich ihre Termine nicht mehr öffentlich und nur auf Anfrage bekannt gegeben. Das gibt den Besorgten Eltern deutlich mehr Spielraum für Überraschungsaktionen, denen dann – so hoffen sie wohl – nicht von organisierten Gegenaktionen widersprochen wird. Darüber, ob und wann die Besorgten Eltern tatsächlich Demonstrationen anmelden, werden sich ihre Gegner in Zukunft also bei den jeweiligen Stadtverwaltungen informieren müssen.

CSU und Freie Wähler gegen Rehabilitierung der Opfer von §175

Am 13. November 2014 brachte die Landtagsfraktion der Grünen zwei Anträge in den Verfassungsauschuss des bayerischen Landtags ein. Erstens solle sich die bayerische Regierung auf Bundesebene für die Rehabilitierung und Entschädigung der nach 1945 unter §175 Verurteilten einsetzen und zweitens für die historische Aufarbeitung in Bayern. Am Vorabend untermauerten die Grünen ihre Forderungen auf einer Demo, zu der etwa 60 Teilnehmer erschienen.  Der Antrag zur Rehabilitation wurde von der Mehrheit der Ausschussmitglieder von CSU und Freien Wählern abgelehnt, der Antrag bezüglich zur historischen Aufarbeitung dagegen wurde einstimmig angenommen.

§175 stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Die Nazis verschärften das Gesetz so weit, dass auch Küsse und „begehrliche Blicke“ für eine Verurteilung ausreichten. Unter den Nazis wurden etwa 50.000 Homosexuelle verurteilt, von diesen kamen zwischen 10.000 und 15.000 in Konzentrationslager, ungefähr die Hälfte von ihnen wurde dort ermordet. 2002 wurden auch diese Verurteilten von der Politik als Opfer des Naziunrechtes anerkannt und rehabilitiert (hier das entsprechende Gesetz). Allerdings wurde nicht anerkannt, dass die beiden deutschen Staaten das Unrecht der Nazis nach 1945 weiter begingen mit zehntausenden Opfern (die DDR bis 1950/68, Westdeutschland bis 1969/94). Diese nach 1945 Verurteilten gelten nach wie vor als Straftäter und haben keinen Anspruch auf Entschädigung.

Der Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayern und die grüne Jugend Bayern hatten anlässlich der Anträge spontan zu einer Demo am Vorabend auf dem Gärtnerplatz aufgerufen, auf der auch Ulrike Grote, die grüne Vizepräsidentin des bayerischen Landtags sprach. Sie ging auf die Widersprüche in der Politik ein: Der Bundestag hatte selbst erklärt, dass die Menschenwürde der nach 1945 verfolgten verletzt worden war (S. 4 in diesem Dokument). Konsequenzen hatte das aber keine. Auch die europäische Menschenrechtskonvention, die (West-)Deutschland 1950 ratifizierte, wird ignoriert. Ihr Artikel 8 schützt das Privatleben und der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat festgestellt, dass davon ebenso Sexualleben, sexuelle Orientierung und sexuelle Identität abgedeckt werden (genaueres findet Ihr auf diesem Blog). Und auch dem Verlangen des Bundesrates von 2012 nach Rehabilitation (hier der Beschluss) kam der Bundestag nicht nach.

Ziel der Anträge der Grünen war es also, dass der Landtag die Landesregierung dazu auffordert, sich im Bund für eine Änderung der Politik einzusetzen und die Geschichte der Verfolgung in Bayern aufzuarbeiten (Links zu beiden Anträgen findet Ihr hier). Die Ausschussmitglieder von CSU und Freien Wählern lehnten es mit ihrer Mehrheit jedoch ab, dass sich der Ausschuss für eine Rehabilitation oder Wiedergutmachung einsetzt. Laut eines Berichts von Werner Gaßner vom LAK Queer.Grün.Bayern sei es Position der CSU, dass obwohl §175 ein Unrechtsparagraph war, dieser jedoch in West-und Ostdeutschland von souveränen Gesetzgebern übernommen und von der Rechtsprechung bestätigt worden sei. Eine Aufhebung verstoße somit gegen das Prinzip der Gewaltenteilung. Dieser Antrag wurde also abgelehnt.

Obwohl CSU und Freie Wähler anscheinend auch keine Notwendigkeit für weitere historische Aufarbeitung sahen, stimmte der Ausschuss diesem Antrag schließlich doch einstimmig zu. Der Ausschuss wird die bayerische Regierung dazu auffordern, über den derzeitigen Stand wissenschaftlicher Untersuchungen dieses Themas zu berichten. Auf Grundlage dessen soll über das weitere Vorgehen beraten werden (mehr dazu hier).

Auf der Demo am Gärtnerplatz ergänzten die Vertreter der grünen Jugend die Forderungen der Anträge um eine eigene: nur eine Änderung des Grundgesetzes könne einen dauerhaften Schutz vor Gesetzen wie §175 bieten. Daher müsse Artikel 3 des Grundgesetzes, der die Gleichheit vor dem Gesetz garantiert und Benachteiligung ausschließt, um das Kriterium der sexuellen Identität ergänzt werden (hier die Pressemitteilung). Dass die CSU und die bayerische Landesregierung sich dafür einsetzen könnten, ist allerdings wohl auch nicht zu erwarten.

In einer ersten Version des Artikels stand, beide Anträge seien abgelehnt worden. Das ist nicht richtig und wurde in dieser Fassung des Artikels korrigiert.

Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes

Gedenkmarsch mit Kerzen

Lichterzug vom Oberanger zur Angertostraße

Am Montag, den 20. Oktober war es genau 80 Jahre her, dass die Nazis die Gangart gegen Schwule, Lesben und Trangender drastisch verschärften. 1934 wurden in einer bayernweiten Razzia Personen, die sich in einschlägig bekannten Bars, Parks oder auf Klappen aufhielten, festgenommen. Wer bis dahin schon vorbestraft war, wurde direkt ins KZ Dachau überführt. In einer Gedenkveranstaltung am Oberanger, am Standort des früheren Schwulenlokals Schwarzfischer, das ebenfalls Ziel der Razzia war, wurde den Opfern der systematischen Verfolgung von Homosexuellen und Transgender durch die Nazis gedacht.

Etwa 60 Teilnehmer erschienen zu der Veranstaltung, die das forum homosexualität münchen und die Rosa Liste organisiert hatten. Redner waren Thomas Niederbühl und Rita Braaz (beide Rosa Liste) und Albert Knoll (forum homosexualität münchen). Nach kurzen Ansprachen formierte sich ein Lichterzug, in dem die Teilnehmer zur Beratungsstelle der LeTRa in die Angertorstraße zogen, wo eine Informationsveranstaltung über aktuelle Gedenk-Projekte und das geplante Mahnmahl am Standort des früheren Lokals Schwarzfischer folgte.

§ 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, war in Bayern seit der bismarckischen Reichsgründung 1871 gültig. Die Nazis verschärften den Paragraphen – ab sofort reichten bereits „begehrliche Blicke“ für eine Verhaftung aus. Mit der Razzia von 1934 nahm Bayern eine Vorreiterrolle in der Verfolgung von Homosexuellen ein. In der Folge wurden im Reich etwa 100.000 Männer polizeilich erfasst, ca. 50.000 wurden verurteilt, eine unbekannte Anzahl überwies man in psychiatrische Anstalten, hunderte wurden kastriert und etwa 10.000 wurden in Konzentrationslagern interniert. Von diesen kam etwa die Hälfte dort ums Leben – heute gibt es wohl keine KZ-Überlebenden mehr, die wegen § 175 verurteilt worden waren. Das Nazi-Regime hatte es sich zum Ziel gesetzt, Homosexualität auszurotten, die es als entartetes Verhalten ansah, das keinen Nachwuchs produziere und deswegen den Bestand der Herrenrasse bedrohe. § 175 galt nicht für Frauen. Lesben wurden auch verfolgt, allerdings unter den Beschuldigungen als „Asoziale“ und wegen Landstreicherei.

Teil der Katastrophe war, dass die Verfolgung nach 1945 nicht endete. § 175 blieb in seiner verschärften Nazi-Version bestehen und auch die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland verfolgte Schwule: Erst 1969 entschärtfte die BRD den Paragraphen, bis dahin waren etwa 50.000 Männer verurteilt worden. Endgültig abgeschafft wurde der 175er erst 1994 (die DDR hatte ihn bereits 1950 entschärft und 1968 gestrichen). 2002 hob der Bundestag zwar alle Urteile auf, die während des Dritten Reiches unter § 175 ergangen waren, allerdings nicht die Urteile nach 1945. Das heißt, dass alle unter den Nazis Verurteilten rehabilitiert sind, aber nicht diejenigen, die durch west- und ostdeutsche Rechtsprechung verurteilt worden waren. Diese Männer, die häufig noch unter den psychischen und wirtschaftlichen Folgen ihrer Haft leiden, gelten nach wie vor als vorbestraft und haben keine Chance, entschädigt zu werden. In der Politik sind es heute die Unionsparteien, die sich immer noch einer Rehabilitation entgegenstellen (Details könnt Ihr hier nachlesen).

Rita Braaz schlug den Bogen zur aktuellen Politik, denn die Vergangenheit sei nicht vergangen. Der „kollektive Wahnsinn“, der im Dritten Reich herrschte, lebt bis heute fort. In gemildeter Form ist das an der oben erwähnten Haltung der Union zu erkennen, in deutlicher Form tritt er wieder bei Parteien wie der NPD oder der AfD oder bei Organisationen wie den Besorgten Eltern zutage: Auch dort gilt alles als existentielle Gefahr für die Gesellschaft, was nicht der Heteronorm entspricht – also wir. In Anbetracht des Zulaufs, den z.B. die AfD erfährt, wird die Stimmung zunehmend bedrohlicher. Die Redner auf der Veranstaltung riefen nicht nur die Politik dazu auf, die Opfer von § 175 endlich zu rehabilitieren und zu entschädigen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, sich jeder Form von Diskriminierung entgegenzustellen.

Was das Gedenken an die unter den Nazis verfolgten Homosexuellen betrifft, so ist ein Mahnmal am Standort des ehemaligen Schwarzfischer am Oberanger in Planung. Ein Künstlerwettbewerb wurde dazu gerade erst abgeschlossen, wahrscheinlich im November 2014 wird dazu ein Stadtratsbeschluss erfolgen. Das forum homosexualität münchen setzt sich außerdem dafür ein, auch auf andere Weise an die Verfolgten zu erinnern und so queeres Leben in München zur Zeit der Unterdrückung zu dokumentieren. Ziel ist das Legen von Stolpersteinen und das Erstellen von Biographien der Opfer. Wer sich dafür engagieren will, indem er beispielsweise biographische Recherchearbeiten unterstützt oder für Stolpersteine spendet, kann sich an das Forum wenden.

„Denen geht es darum, Homophobie wieder salonfähig zu machen“

Dominik Krause

Dominik Krause engagiert sich seit 2012 im Bündnis „München ist bunt“. Der 23 Jahre alte Physikstudent sitzt für die Grünen im Münchner Stadtrat. (Foto: oh)

Hinter den „Besorgten Eltern Bayerns“ verstecken sich Rechtspopulisten und christliche Fundamentalisten. Nun will das Bündnis gegen „Gender-Ideologie“ und „Frühsexualisierung unserer Kinder“ demonstrieren. Ein Stadtrat ruft zum Protest auf. Mehr.

 

Schaut bei uns unter Aktionen rein, und kommt mit zur Demo gegen die besorgten Eltern. Hier.

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                    QUEERTREIBER                     QUEER AKTIVISMUS MÜNCHEN https://www.facebook.com/kueertreiber

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Gegendemo am 10 Mai um 13:30 Uhr am Odeonsplatz gegen die besorgten Eltern