Schule

„Selbstbefriedigung und andere sexuelle Ausschweifungen“ – Nächste Demo der besorgten Eltern in Augsburg für den 17. Januar 2015 geplant

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Am 25. Oktober 2014 demonstrierten die besorgten Eltern in Augsburg: „Stoppt die Frühsexualisierung der Kinder an Grundschulen!“ Unter „Frühsexualisierung“ verstehen die besorgten Eltern und ihr Gründer Mathias Ebert ganz allgemein sexuelle Aufklärung und auch Aufklärung über Lebensweisen, die nicht der Heteronorm entsprechen und trotzdem positiv dargestellt werden.

Die Initiative der besorgten Eltern funktioniert gewissermaßen nach dem Franchise-Prinzip: Vor Ort gibt es Personen oder Organisationen, die eine Veranstaltung zum Thema auf die Beine stellen wollen und dabei vom Netzwerk der besorgten Eltern unterstützt werden. In Augsburg war es der Jugendverein TZT „Träume Ziele Taten“, der die Demonstration angemeldet hatte und sich auf dieser als „Jugend mit gesunden Prinzipien und gesunden Werten“ beschrieb. Auf seiner öffentlichen Facebook-Gruppenseite hat der Verein Fotos von der Veranstaltung hochgeladen und auch schon den 17. Januar 2015 als Termin für die nächste Demo bekannt gegeben, der aber noch nicht auf der Termin-Liste der besorgten Eltern steht.

Die Veranstaltung war für 500 Personen angemeldet, gekommen sind etwa knapp 100. Kurz nach 14:00 wurde mit einem Marsch durch die Altstadt begonnen, u.a. am Rathaus vorbei und einen Teil der Maximilianstraße entlang. Dabei verteilten sie ihr Flugblatt und riefen in Sprechchören Parolen wie „Sex mit sechs im Unterricht – das geht nicht“, „Aufklärung mit sieben – das ist übertrieben“, „Kinder brauchen Liebe und keinen Sex“ oder „Gebt den Kindern Zeit, sie sind noch nicht so weit“. Die Teilnehmer, zu denen auch einige Kinder und Jugendliche gehörten, trugen Schilder, die von den Organisatoren im Vorfeld hergestellt und verteilt worden waren und auf denen Schlagworte wie „Finger weg von unseren Kindern“ oder „Schützt die kindliche Welt“ zu lesen waren.

Nach dem Umzug fand am Martin-Luther-Platz, wo sie eine Bühne aufgebaut hatten, eine Kundgebung statt. Zu den Rednern gehörte auch Mathias Ebert, der Gründer der besorgten Eltern. Seine Ansprache begann mit einer kleinen Überraschung. Um gegen die Veranstaltung zu protestieren, hatte sich nämlich ein Häuflein queerer Augsburger und Münchner Gegendemonstranten eingefunden, die mit ihren Regenbogen-Fahnen am Rand des Platzes deutlich zu sehen waren. Es waren Mitglieder von der AIDS-Hilfe, vom Landesarbeitskreis Queer.Grün.Bayernvom Lesben- und Schwulenverband, von der Linken, der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und von den Queertreibern. Mathias Ebert begrüßte alle Anwesenden und ganz besonders auch „die Leute mit den Regenbogenfahnen.“ Er legte Wert darauf, dass die besorgten Eltern nicht gegen Homosexuelle seien, sondern dagegen, dass Kinder mit Sexualität konfrontiert werden, egal ob hetero- oder homosexuell. Denn „wer Kinder damit [also Sexualität] konfrontiert, gehört eingesperrt.“ 

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

Demonstration der besorgten Eltern in Augsburg am 25.10.2014

An jenem Nachmittag gewann man den Eindruck, dass sich im Weltbild der Demonstranten erstens Kinder scheinbar gar nicht dafür interessieren, woher Kinder kommen und wieso beispielsweise ihr Kindergartenfreund zwei Mütter hat. Zweitens scheint ihrer Meinung nach jeder Versuch, Kinder zu diesen Themen aufzuklären, eine regelrechte Vergewaltigung zu sein. In ihrem Flugblatt warnen die besorgten Eltern: „Ein Kind, das […] vor der Pubertät solche Dinge lernt, wird noch schneller Lust an Selbstbefriedigung und anderen sexuellen Ausschweifungen gewinnen. Dies führt wiederum zu einer gestörten Persönlichkeit.“ Mathias Ebert sagte in seiner Rede: „Kinder, die von Kindheit an durchsexualisiert sind, bekommt man nicht mehr repariert.“ Die natürliche Reinheit der Kinder sei für immer verloren.

Bezogen auf Aufklärung über queere Themen legen sie ihre angebliche Toleranz gegenüber Homosexuellen doch schnell wieder ab: Denn klärt man Kinder über LGBT*IQ auf, so „führt das dazu, dass Kinder ihre Unschuld, die kindliche Geborgenheit noch früher verlieren und Gefahr laufen, nicht mehr im Stande zu sein, eine feste Beziehung zu führen“ (siehe „Fakt Nr. 4“ auf ihrem Flubglatt). Und schließlich seien auch Kinder selbst gegen Frühsexualisierung, denn „zwei gleiche Geschlechter können nicht die Rollen von zwei verschiedenen Geschlechtern spielen“ – so erklärt von einem Mädchen in einem Youtube-Video, das sie auf ihrer Seite neben anderen Videos posten.

Der Youtube-Kanal, auf dem das Video zu sehen ist, nennt sich übrigens „Посольства Божье Кассель“ – „Embassy of God Kassel“. Bei der Embassy of God handelt es sich um eine in Kiew gegründete evangelikale Glaubensgemeinschaft, die auch in Deutschland Ableger unterhält. In der Ukraine ging sie auch gegen den CSD in Kiew vor. Auf Youtube ist außerdem ein Mitschnitt von Teilen des Augsburger Demonstrationszuges und von der Ansprache Mathias Eberts zu finden. Der Kanal, der dieses Video zur Verfügung stellt, heißt „ZION Evangeliums Christen“ und ist der Kanal eines gleichnamigen, deutsch-russischen evangelikalen Vereins in Augsburg. In einer der dort hinterlegten Predigten, „Die Gemeinde Christi und der Antichrist“ wird beispielsweise die Tatsache, dass Homosexuelle in einigen Kirchen heiraten dürfen oder ihre Beziehungen gesegnet werden, als Versuch „des Feindes“ ausgelegt, die Werte der Gemeinde Christi zu verwirren, um diese zu zerstören. Die Aussage der besorgten Eltern, sie seien gegen Homophobie und Diskriminierung, darf man in Anbetracht solcher flankierenden Organsiationen wohl hinterfragen.

Auch wenn sich Wadim Renner, einer der Organisatoren, beklagte, dass lange nicht alle 500 Sympathisanten, die sich im Vorfeld angemeldet hatten, erschienen sind, verkündete Mathias Ebert den Plan, Augsburg stelle den Anfang für weitere Aktionen der besorgten Eltern in ganz Bayern dar.  Man muss mit ihnen hier also auch weiterhin rechnen, anscheinend schon kommenden Januar.