Verfolgung

Münchner Stolperstein-Kompromiss benachteiligt homosexuelle Opfer

Beispiel eines Stolpersteins (Quelle: wikipedia)

Beispiel eines Stolpersteins (Quelle: wikipedia)

In welcher Form den Opfern des NS-Regimes in München gedacht werden kann, wurde in den letzten Monaten heftig diskutiert. Konkret ging es darum, ob auf öffentlichem Boden sogenannte „Stolpersteine“ verlegt werden dürfen. Am 27. April 2015 kam der Münchner Stadtrat zu einem Kompromiss (hier der Bericht auf sueddeutsche.de), der zwar die Wünsche der Befürworter und die Bedenken der Gegner unter einen Hut zu bringen versucht, in seiner Umsetzung aber die homosexuellen Opfer benachteiligen wird. Denn dezentrales Gedenken am letzten bekannten Wohnort der Opfer soll es nur auf ausdrücklichen Antrag von Angehörigen geben. Da Homosexuelle häufig keine eigenen Familien gründeten, gibt es bei dieser Opfergruppe meist keine Angehörigen mehr. Ein Gedenken am Wohnort entfällt, selbst wenn sich Mitglieder aus der Community für ein solches einsetzen sollten.

Bei den „Stolpersteinen“ handelt es sich um Pflastersteine, auf denen in Messing vor allem der Name des Opfers und kurze biografische Daten  vermerkt sind. Diese Steine werden vor dem letzten bekannten Wohnort des Opfers am Boden verlegt. Ziel dessen ist vor allem, das Gedenken zu personalisieren und an einen Ort zu bringen, der mit der jeweiligen Person in engem Zusammenhang steht. Die Gegner dieser Gedenkform stören sich an der Anbringung am Boden, da so auf den Denkmälern unweigerlich herumgetrampelt würde und sie verschmutzt würden. Der Münchner Stadtrat hat sich in den letzten Jahren im Wesentlichen an dieser Position orientiert und eine Verlegung auf öffentlichem Boden verboten. Es ist lediglich erlaubt, sie auf Privatgrund zu verlegen, was aber aufgrund Platzmangels vor Ort oder weil sich die Hauseigentümer dagegen wehren, meist nicht möglich ist.

Im Dezember 2014 wurde die Diskussion mit einer Anhörung beider Seiten neu angestoßen (die QUEERTREIBER berichteten), auf der sich der damals neu gewählte Stadtrat über die jeweiligen Positionen informieren konnte. Der am Montag von der Rathaus-Koalition aus SPD und CSU geschlossene Kompromiss sieht unter anderem folgende Punkte vor:

1. Stolpersteine auf öffentlichem Grund bleiben weiterhin verboten. Man nimmt damit Rücksicht auf die Sichtweise, eine Gedenkform am Boden würde die Opfer zusetzlich entehren.
2. Eine dezentrale Gedenkform an die Opfer soll dennoch möglich sein durch Erinnerungstafeln an den Wänden ihrer letzten Wohnhäuser. Falls sich die Hauseigentümer dagegen wehren, wird die Stadt auf öffentlichem Grund vor dem Haus eine Gedenkstele aufstellen.
3.  Dies wird jedoch nur dann geschehen, wenn es von Angehörigen bantragt wird.

So nachvollziehbar es natürlich ist, auf die Gefühle von Angehörigen Rücksicht zu nehmen, werden damit in der Praxis  alle Opfer benachteiligt, die keine lebenden Angehörigen mehr haben. Dies trifft besonders auf homosexuelle Verfolgte zu, weil diese meist keine eigenen Familien gründeten. Es ist noch nichts darüber zu lesen, wie die Stadt in diesen Fällen vorgehen will. Denn selbst wenn es keine Angehörige im Sinne von Blutsverwandtschaft gibt, gab es bisher viele Angehörige aus der jeweiligen Opfergruppe, die sich für Stolpersteine engagierten. So sammelt beispielsweise das forum homosexualität münchen die Namen von Münchner Opfern und unterstützt Freiwillige, die sich für Stolpersteine einsetzen, indem sie nach biografischen Daten recherchieren oder Geld spenden. So gibt es schon mehrere Stolpersteine für homosexuelle Opfer, die jedoch aufgrund der derzeitigen Lage so wie viele andere Stolpersteine nicht verlegt werden können.

Als Wortführerin tritt vor allem Charlotte Knobloch auf, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und selbst KZ-Überlebende. Doch sie spricht nicht für alle Opfergruppen und auch nicht für die jüdische also solche. So setzt sich beispielsweise Terry Swartzberg, Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde Münchens Beth Shalom, für die Initiative „Stolpersteine für München“ ein. In einem Interview mit der Welt kritisiert er, dass die Stadt beide Seiten nicht gleichberechtigt behandele, und kündigt an, weiter dafür zu kämpfen, dass in München Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund verlegt werden können. Eine Übersicht über die Steine für München bietet die Initiative Stolpersteine für München e.V. auf ihren Seiten.

Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes

Gedenkmarsch mit Kerzen

Lichterzug vom Oberanger zur Angertostraße

Am Montag, den 20. Oktober war es genau 80 Jahre her, dass die Nazis die Gangart gegen Schwule, Lesben und Trangender drastisch verschärften. 1934 wurden in einer bayernweiten Razzia Personen, die sich in einschlägig bekannten Bars, Parks oder auf Klappen aufhielten, festgenommen. Wer bis dahin schon vorbestraft war, wurde direkt ins KZ Dachau überführt. In einer Gedenkveranstaltung am Oberanger, am Standort des früheren Schwulenlokals Schwarzfischer, das ebenfalls Ziel der Razzia war, wurde den Opfern der systematischen Verfolgung von Homosexuellen und Transgender durch die Nazis gedacht.

Etwa 60 Teilnehmer erschienen zu der Veranstaltung, die das forum homosexualität münchen und die Rosa Liste organisiert hatten. Redner waren Thomas Niederbühl und Rita Braaz (beide Rosa Liste) und Albert Knoll (forum homosexualität münchen). Nach kurzen Ansprachen formierte sich ein Lichterzug, in dem die Teilnehmer zur Beratungsstelle der LeTRa in die Angertorstraße zogen, wo eine Informationsveranstaltung über aktuelle Gedenk-Projekte und das geplante Mahnmahl am Standort des früheren Lokals Schwarzfischer folgte.

§ 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, war in Bayern seit der bismarckischen Reichsgründung 1871 gültig. Die Nazis verschärften den Paragraphen – ab sofort reichten bereits „begehrliche Blicke“ für eine Verhaftung aus. Mit der Razzia von 1934 nahm Bayern eine Vorreiterrolle in der Verfolgung von Homosexuellen ein. In der Folge wurden im Reich etwa 100.000 Männer polizeilich erfasst, ca. 50.000 wurden verurteilt, eine unbekannte Anzahl überwies man in psychiatrische Anstalten, hunderte wurden kastriert und etwa 10.000 wurden in Konzentrationslagern interniert. Von diesen kam etwa die Hälfte dort ums Leben – heute gibt es wohl keine KZ-Überlebenden mehr, die wegen § 175 verurteilt worden waren. Das Nazi-Regime hatte es sich zum Ziel gesetzt, Homosexualität auszurotten, die es als entartetes Verhalten ansah, das keinen Nachwuchs produziere und deswegen den Bestand der Herrenrasse bedrohe. § 175 galt nicht für Frauen. Lesben wurden auch verfolgt, allerdings unter den Beschuldigungen als „Asoziale“ und wegen Landstreicherei.

Teil der Katastrophe war, dass die Verfolgung nach 1945 nicht endete. § 175 blieb in seiner verschärften Nazi-Version bestehen und auch die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland verfolgte Schwule: Erst 1969 entschärtfte die BRD den Paragraphen, bis dahin waren etwa 50.000 Männer verurteilt worden. Endgültig abgeschafft wurde der 175er erst 1994 (die DDR hatte ihn bereits 1950 entschärft und 1968 gestrichen). 2002 hob der Bundestag zwar alle Urteile auf, die während des Dritten Reiches unter § 175 ergangen waren, allerdings nicht die Urteile nach 1945. Das heißt, dass alle unter den Nazis Verurteilten rehabilitiert sind, aber nicht diejenigen, die durch west- und ostdeutsche Rechtsprechung verurteilt worden waren. Diese Männer, die häufig noch unter den psychischen und wirtschaftlichen Folgen ihrer Haft leiden, gelten nach wie vor als vorbestraft und haben keine Chance, entschädigt zu werden. In der Politik sind es heute die Unionsparteien, die sich immer noch einer Rehabilitation entgegenstellen (Details könnt Ihr hier nachlesen).

Rita Braaz schlug den Bogen zur aktuellen Politik, denn die Vergangenheit sei nicht vergangen. Der „kollektive Wahnsinn“, der im Dritten Reich herrschte, lebt bis heute fort. In gemildeter Form ist das an der oben erwähnten Haltung der Union zu erkennen, in deutlicher Form tritt er wieder bei Parteien wie der NPD oder der AfD oder bei Organisationen wie den Besorgten Eltern zutage: Auch dort gilt alles als existentielle Gefahr für die Gesellschaft, was nicht der Heteronorm entspricht – also wir. In Anbetracht des Zulaufs, den z.B. die AfD erfährt, wird die Stimmung zunehmend bedrohlicher. Die Redner auf der Veranstaltung riefen nicht nur die Politik dazu auf, die Opfer von § 175 endlich zu rehabilitieren und zu entschädigen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes, sich jeder Form von Diskriminierung entgegenzustellen.

Was das Gedenken an die unter den Nazis verfolgten Homosexuellen betrifft, so ist ein Mahnmal am Standort des ehemaligen Schwarzfischer am Oberanger in Planung. Ein Künstlerwettbewerb wurde dazu gerade erst abgeschlossen, wahrscheinlich im November 2014 wird dazu ein Stadtratsbeschluss erfolgen. Das forum homosexualität münchen setzt sich außerdem dafür ein, auch auf andere Weise an die Verfolgten zu erinnern und so queeres Leben in München zur Zeit der Unterdrückung zu dokumentieren. Ziel ist das Legen von Stolpersteinen und das Erstellen von Biographien der Opfer. Wer sich dafür engagieren will, indem er beispielsweise biographische Recherchearbeiten unterstützt oder für Stolpersteine spendet, kann sich an das Forum wenden.